Veranstaltungsinfo

Di, 19.11.2019
20.00 Uhr
Schauspiel
30,00 / 15,00 €*
* Regulär / bis 25 Jahre | Wir führen eine Warteliste im Theaterbüro

Schauspiel Frankfurt: "Abschied von den Eltern" von Peter Weiss

Die autobiographische Erzählung handelt von dem Zauber und den Abgründen der Kindheit, den schmerzhaften Prozessen des Wachsens, der Suche nach einem eigenen Leben als künstlerische Persönlichkeit. Es ist das Protokoll einer Selbstbefreiung.
Im Dezember 1958 starb die Mutter von Peter Weiss und kurz darauf sein Vater. Und obwohl das Verhältnis zu beiden, besonders jedoch zur dominanten Mutter, von fortwährenden Auseinandersetzungen geprägt war, traf Weiss der Verlust der Eltern hart. Was folgte war eine schwere Depression, eine Lebenskrise, geprägt von Gefühlen des »Fremdseins« und der »Unzugehörigkeit«, welche schließlich zu einer Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich führte. Peter Weiss gelangte zu der Überzeugung, dass allein in der bewussten, analytischen Aufarbeitung der Vergangenheit die Möglichkeit lag, sich von ihr zu emanzipieren und sich neu zu erschaffen. In dieser Zeit entstand »Abschied von den Eltern«. Die autobiographische Erzählung handelt von dem Zauber und den Abgründen der Kindheit, den schmerzhaften Prozessen des Wachsens, der Suche nach einem eigenen Leben als künstlerische Persönlichkeit. Es ist das Protokoll einer Selbstbefreiung und zugleich eine kritische Betrachtung des konservativen Bürgertums Mitte des 20. Jahrhunderts, weshalb »Abschied von den Eltern« auch zu einem wichtigen Werk für die Jugendprotestbewegung von 1968 wurde.

Regie KORNELIUS EICH
Bühne LORIANA CASAGRANDE
Kostüme MAREIKE WEHRMANN
Dramaturgie JUDITH KURZ
 
Mit PETER SCHRÖDER
 
Dauer 1.30 Std., keine Pause
Einführung 19.15 Uhr

„Schauspieler Peter Schröder, bekannt für seine Sprachäquilibristik und seinen einfühlsamen Umgang mit problematischen Texten, stemmte auch diesen hochpoetischen Monolog über das Erwachsenwerden und ein künstlerisches Coming-out grandios. […] Peter Schröder gelingt es, diesen Kampf mit den Eltern um das künstlerische Eigenleben eines verquälten Angstneurotikers intensiv nachvollziehbar zu machen, ja das Publikum regelrecht in das strenge Bühnenbild von Loriana Casagrande zu bannen.“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung)
Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
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2019

Nach(t)kritik 

Es muss ein dringendes Anliegen des Schauspielers Peter Schröder gewesen sein, „Abschied von den Eltern“ von Peter Weiss auf die Bühne zu stellen, in die Rolle des autobiographisch erzählenden Autors zu schlüpfen und dessen Befreiung zu verkörpern. Die Dringlichkeit dieses Anliegens ist in jedem Moment dieses Abends zu spüren: Peter Schröder, der in der Inszenierung von Kornelius Eich im bosco mit der Produktion des Schauspiel Frankfurt gastiert, hat dieses Drama des begabten Kindes und Heranwachsenden verinnerlicht. Spürt die seelischen Qualen des Bedrängten, kadettengleich Gedrillten, nach  bürgerlichen Moralvorstellungen unhinterfragt Verbogenen, Verklemmten in jeder Faser körperlich nach. Kauert als ängstliches Kind, von Alpträumen und Nachtgespenstern gequält, da. Zieht die Hand unter den Rohrstockschlägen des Lehrers panisch fort. Erduldet stoisch die - auch sexuellen - Erniedrigungen der Mutter beim gründlichen Waschen. Lebt mimisch, gestisch auf, als sich ein Freund findet, der seine Leidenschaft für die Kunst teilt und versteht. 

Der erste Eindruck des tief, sehr tief in die Figur hineinkriechenden Schauspielers ist zunächst: Befremdung. Es beschleicht, zumindest die Kritikerin, das Gefühl, einer Bebilderung zuzusehen, die irritiert. Doch im Verlauf der dichten, neunzigminütigen Vorstellung wächst die Erkenntnis, eigene Sehgewohnheiten, die doch sehr durch gegenwärtige Reduktion und Minimalismus auf Bühnen geprägt ist, in diesem Fall über Bord werfen zu können, ohne dabei Gefahr zu laufen, hinters Licht geführt worden zu sein: dieser Schauspieler hat nichts weiter als seinen Körper, seine Mimik, seine Stimme, um aus einem Buch ein Lebenskapitel zu gestalten. Und die Frage, ob es sein eigenes ist, interessiert am Ende nicht mehr, da dieser schmerzhafte Weg einer notwendigen Befreiung aus den Mauern der Kindheit jeder Zuschauerin, jedem Zuschauer zueigen ist.

Nun zählt Peter Weiss` 1961 erschienene Erzählung „Abschied von den Eltern“ zu den literarischen Ikonen der 68-er und wird gern im Zusammenhang mit der mehr als ein Jahrzehnt später erscheinenden „Ästhetik des Widerstands“ rezipiert. Doch die Geschichte eines Menschen, der auf dem Weg ins Leben immer wieder fremdbestimmt und in seiner Suche nach der eigenen Bestimmung gehindert wird, steht durchaus unabhängig von Peter Weiss` eigener Biographie und seinem literarischen Schaffen. Das jedenfalls stellen Schauspieler Schröder und Regisseur Eich immer wieder klar, indem sie den Fokus auf den Prozess der Befreiung legen. Und so wird dieser besondere „Abschied von den Eltern“, vor allem durch die ungeheure Präsenz des Schauspielers Peter Schröder, dem es hier sichtbar um etwas geht, zu einem dringlichen Plädoyer für die Freiheit und dafür, für deren Erhalt alles, aber auch wirklich alles, in die Waagschale zu werfen.