Wer übernimmt das Bürgermeisteramt in Gauting? Dr. Brigitte Kössinger (CSU) tritt nicht nicht mehr an. Um ihre Nachfolge bewerben sich Maximilian Platzer (38, CSU), Dr. Matthias Ilg (60, Grüne), Stefan Berchtold (57, MfG) und Harald Ruhbaum (54, MiFü). Am Sonntag standen sie vor 300 Besuchern bei einer Diskussionsrunde des Theaterforums Gauting und des Starnberger Merkur Rede und Antwort.
Das Format
Die vier Bürgermeisterkandidaten für Gauting haben sich am Sonntagnachmittag auf Einladung des Theaterforums und des Starnberger Merkurs den Fragen von Moderator Volker Ufertinger und der Gautinger gestellt. Der große Saal des Bosco war restlos voll. Nach einer Vorstellungsrunde und Fragen zu ihrer persönlichen Motvation, hatten alle vier Gelgenheit, kurz über ein Thema ihrer Wahl zu sprechen, die Mitbewerber jeweils die Möglichkeit, darauf einzugehen. Maximilian Platzer (CSU) sprach über Gemeindefinanzen, Dr. Matthias Ilg (Grüne) über Verkehr, Stefan Berchtold (MfG) über Kultur und Harald Ruhbaum (MiFü) über Gewerbe. Im zweiten Teil der Veranstaltung wurden Fragen gestellt, die im Vorfeld die Merkur-Redaktion erreicht hatten oder während der Veranstaltung von Besuchern auf Zettel notiert und eingereicht werden konnten.
Die Kandidaten
Maximlian Platzer (38) trat mit 15 Jahren der Jungen Union in Gauting bei, wurde 2008 in den Gemeidnerat gewählt. Nach seinem Studium der Politikwissenschaften und der Betriebswirtschaftslehre arbeitete er zunächst bei der CSU-Landesleitung und dann bis heute für eine Unternehmensberatung „an der Schnittstelle von Politik, Wirtschaft und Verwaltung“, wie er sagt. Seine wichtigsten Themen seien Finanzen und Gewerbe, dazu Stadtentwicklung und gute qualifizierte Kinderbetreuung.
Dr. Matthias Ilg (60) aus Königswiesen, Kandidat der Grünen für das Bürgermeisteramt, verheiratet, eine Tochter, wuchs auf einem Bauernhof auf der schwäbischen Alb auf, ist promovierter Physiker und arbeitet in München beim Chip-Hersteller Infineon im Qualitätsmanagement. In Gauting lebt er seit 2005. Seit 2015 ist er bei den Gautinger Grünen, seit 2020 im Gemeinderat. Politisch treibe ihn das Thema Umsetzungsgeschwindigkeit an, erklärte er im Bosco.
Stefan Berchtold (57), Gemeinderat und Kandidat von „Menschen für Gauting“ (MfG), ist aufgewachsen in Stockdorf, lebt jetzt in Unterbrunn. Der gelernte Industriekaufmann betreibt heute ein Catering-Unternehmen. Er ist seit langem im Kulturbereich engagiert und sagt, auch bei seinem politischen Engagement treibe ihn die Frage an, wie Kultur verbinden kann und wie es gelingt, dass „junge Menschen Gautinger bleiben können“.
Harald Ruhbaum (54) kandidiert für die Gruppierung „Miteinander-Füreinander 82131 Gauting“ (MiFü), für die er seit 2020 im Gemeinderat ist. Der Vater von sechs Kindern wuchs in Gauting auf, war Kommandant der Feuerwehr und im Vorstand der „Maibaambuam“. Er ist Vorsitzender des Gautinger Gewerbeverbandes. Politik gelinge nur, „wenn man den Kontakt mit der Bevölkerung hält“, sagte er bei seiner Vorstellung. Man dürfe sich dabei nicht auf wenige Themen fixieren.
Gewerbe und Finanzen
Einig zeigten sich die Kandidaten darin, dass Gauting höhere Gewerbesteuereinnahmen braucht. Platzer sprach sich dafür aus, Ansiedlungen auch durch eine andere Gewerbesteuer-Politik zu forcieren. Er verwies auf Gräfelfing und Grünwald. Berchtold widersprach: Gauting sei anders als Gräfelfing und müsse seinen eigenen Weg finden, mit einer klugen Ansiedlungspolitik für die geschaffenen und auf den Weg gebrachten gemeindeeigenen Gewerbeflächen. Ilg will sich verstärkt um Software-Unternehmen bemühen, Ruhbaum um eine breit gefächerte örtliche Gewerbelandschaft und den innerörtlichen Einzelhandel. Das Beispiel Lilium habe gezeigt, dass es unsicher sei, die Hoffnung auf wenige große Firmen zu legen. Einigkeit bestand auch darin, dass Gauting noch einige magere Jahre überstehen müsse, bis wieder mehr Gewerbesteuer fließe.
Verkehr
Verkehr sei entscheidend für Standortattraktivität, auch für den Einzelhandel, argumentierte Ilg für pünktliche Busse, Radwege und sichere Fußgängerüberwege. Mit schnell umsetzbaren Maßnahmen wie „dosiertem“ Tempo 30 und Zebrastreifen ließen sich deutliche Verbesserungen erzielen. Platzer warnte, „hier eine Erwartungshaltung zu schaffen“ und verwies auf häufige rechtliche Schwierigkeiten bei der Umsetzung von Tempo 30. Berchtold würde sich „generell Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit wünschen, und dass wir dann sukzessive schauen, wo wir 50 fahren“. Ruhbaum mahnte, dass der Einzelhandel Verkehr brauche, allein durch die Lage Gautings, wo es im Ort bergauf und bergab gehe. Gegenüber generellem Tempo 30 zeigte er sich zurückhaltend.
Kultur
Berchtold erklärte in seinem Kurzvortrag, seine Herzensangelegenheit, Kultur und Kulturpolitik, gehe über das Bosco hinaus. Es gehe darum, dass Menschen in Vereinen, Musikschule und anderen Institutionen „gemeinsam Dinge zu erleben, zu entwickeln und zu gestalten“. Das stärke die gesellschaftliche Resilienz in schwierigen Zeiten. Kultur sei damit, wie auch Verkehr oder Finanzen, eine Kernaufgabe. Er wünsche sich für Gauting einen Kulturbeirat, der ein Kulturleitbild erstellen soll. Ruhbaum unterstrich, dass Kulturförderung eine freiwillige Leistung der Gemeinde sei. Niemand wolle daran schrauben, „aber wir haben die Pflichtaufgaben in unserem Haushalt.“ Er betonte die Bedeutung der Förververeine, etwa für das Bosco oder das Sommerbad. Ilg machte Vorschläge für mehr Sichtbarkeit von Kunst und Kultur, mit Pop-Up-Ateliers in Einzelhandelsleerstand, legaler Street Art oder digitalen Wegweiser zu den zahlreichen Künstlerateliers. Platzer appellierte, Vereinen und Engagierten Hürden nach Möglichkeit aus dem Weg zu schaffen und knappen finanziellen Ressourcen durch Vernetzung und Kooperation zu begegnen.
Die Fragen
Nach der Pause ging es im Fragen-Teil unter anderem um die Gestaltung des Ortsbildes. Weitere Fragen bezogen sich auf die Ziele der Kandidaten bezüglich Senioren und Jugend. Mehrere Besucher wollten wissen, wie die Kandidaten mit einer AfD im Gemeinderat umgehen wollen. Am deutlichsten sagte es Platzer: „Am liebsten gar nicht.“ Die anderen Fraktionen müssten im Schulterschluss dafür sorgen, „dass die Leute in sechs Jahren ihr Kreuz wieder woanders machen“. Ilg sagte: „Unsre Heimat steht auf dem Spiel. Wir müssen auch in den Osten schauen, welche Erfahrtungen es da mit dem Umgang schon gibt.“ Berchtold erklärte, über formale Mitwirkungsrechte hinaus werde es mit der AfD keine Koopertion geben. Sie habe auf kommunaler Ebene keine Lösungen. Ruhbaum sagte, eine Brandmauer werde es bei ihm nicht geben. „Wir werden sie mit anderen Mitteln und Wegen fordern müssen, sich einzubringen in den Rat. Wir müssen noch stärker zusammenrücken und der Demokratie ihren Platz einräumen, und nichts anderes.“
Zur Beantwortung der zahlreichen Fragen, die eingereicht wurden, ließ das Format nur bedingt Spielraum. Die Antworten der Kandidaten auf nicht mehr gestellte Fragen sind im Laufe der nächsten Tage auf merkur.de/lokales/starnberg/gauting zu finden.
Stimmungsbarometer
Der Starnberger Merkur wollte am Schluss der Veranstaltung wissen: Wer hat Sie am meisten überzeugt? Deshalb hingen im Foyer vier QR-Codes aus, über die die Besucher der Veranstaltung abstimmen konnten. Von den 300 Gästen machten ab 17.30 Uhr von dieser Gelegenheit 243 Gebrauch. 105 Stimmen entfielen auf Maximilian Platzer (43,21 Prozent), 72 auf Dr. Matthias Ilg (29,63 Prozent), 49 auf Harald Ruhbaum (20,16 Prozent) und 17 auf Stefan Berchtold (7 Prozent). Moderator Volker Ufertinger machte deutlich, dass das Ergebnis nicht repräsentativ ist. „Die Entscheidung fällt am 8. März“, sagte er.
Live-Stream
Der Andrang zum Bosco war groß am Sonntag. Schon 20 Minuten vor Beginn war der Saal voll, etwa 300 Besucher mussten wieder den Heimweg antreten. Viele von ihnen haben dann von zu Hause aus den Livestream auf der Homepage des Starnberger Merkur verfolgt. Die Auswertung ergab, dass insgesamt 2254 Politikinteressierte den Stream verfolgt haben. Die Gesamtdauer, die Nutzer vor dem Bildschirm verbrachten („Watchtime“), betrug 803 Stunden. Jeder Nutzer schaute im Schnitt 21 Minuten – ein vergleichsweise hoher Wert. Die maximale gleichzeitige Zuschauerzahl lag bei 333.