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Veranstaltungsinfo

Di, 30.01.2024
20.00 Uhr
Schauspiel

30,00 / 12,00

Regulär / bis 25 Jahre | Wir führen eine Warteliste unter 089 452 38 58-0 oder kartenservice@theaterforum.de

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Veranstalter: Theaterforum Gauting e.V.

Theater an der Ruhr: "Woyzeck" frei nach Georg Büchner - eine Überschreibung von Glossy Pain

Ein junges Team um die Regisseurin Katharina Stoll (vom Berliner Theaterkollektiv Glossy Pain) schreibt kollektiv eine Neufassung des Woyzeck-Klassikers und erfindet ihn mit Blick auf die weiblichen Dramenfiguren neu – bildreich, musikalisch, spielerisch.

Marie und Margret sind beste Freundinnen – sie teilen eine Wohnung und ihr Leben, auch wenn Franz Woyzeck, ihr Nachbar, dazukommt und sich in Marie verliebt. Marie und Woyzeck – eine Liebe, die zwei sehr unterschiedliche Menschen zusammenführt und die sich dann verschiebt, fast unmerklich, stumm – bis sie in roher Gewalt endet. Marie, Margret und Woyzeck – die Geschichte eines Beziehungsgeflechts, die unsere Vorstellungen von Liebe, Freundschaft und Fürsorge befragt.

Diese Woyzeck-Überschreibung rückt die Perspektive auf den Alltag und die Lebenswelt junger Menschen und stellt dabei die wesentlichen Fragen, die schon in Büchners ambivalenter Woyzeck-Figur von 1836 angelegt sind. Heute sind sie aktueller denn je: Was lässt Männer zu Tätern werden? Nach welchen Vorstellungen von Beziehungen leben wir? Ist eine andere Sprache als die der Gewalt möglich?

Regie KATHARINA STOLL (KOLLEKTIV GLOSSY PAIN)
Musik, Komposition, Sounddesign HANNES GWISDEK
Musik, Komposition RIAH KNIGHT
Video SEBASTIAN PIRCHER
Bühne und Kostüm WICKE NAUJOKS
Kostüme HEINKE STORK
Requisite BEKIM ALIJI
Dramatugie CONSTANZE FRÖHLICH
Regieassistenz WISAM ATFAH, JULIA BOXHEIMER
Mit MARIE AMANDA BABAEI VIEIRA, MARGRET RIAH KNIGHT, FRANZ JOSHUA ZILINSKE

Einführung 19:15 Uhr
Dauer 1.40 Std., keine Pause

 

Unterstützt durch das NATIONALE PERFORMANCE NETZ Gastspielförderung Theater, gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, sowie den Kultur- und Kunstministerien der Länder.

                                             

Nach(t)kritik
I love you so, I love you so
Nach(t)kritik von Sabine Zaplin

Die Küche einer WG. Auf dem Tisch Rotweinflaschen, Lebensmittel, Geschirr, im Hintergrund auf dem Herd die Espressokanne, auf dem kleinen Tisch neben dem IKEA-Sofa ein MacBook und ein Stapel Bücher, darunter die Klassiker der feministischen Literatur wie bell hooks`“All about love“. Hier wohnen Marie und Margret, und hier taucht irgendwann Franz auf, der Nachbar von oben, etwa im selben Alter wie die beiden jungen Frauen. Zwischen Franz und Marie entspinnt sich etwas, er interessiert sich für sie, sie findet Gefallen an ihm. „Ich möchte dich in meinem Leben haben“, sagt sie zu ihm, als die beiden längst im Bett gelandet sind. Und während Franz gern der einzige Mann für Marie wäre, möchte sie die Beziehung zu ihm nicht labeln, möchte es fluider halten. In ihrem Herzen sei genügend Platz für viele, erklärt sie. Und auch, wenn Franz ihr zunächst diese Freiheit geben will, wird er sie doch am Ende töten.

„Wir wissen, wie die Geschichte ausgeht“, erklärt Margret zu Beginn der Vorstellung von „Woyzeck“, der Überschreibung des Fragments von Georg Büchner durch das Theaterkollektiv Glossy Pain für das Theater an der Ruhr. Margret, gespielt von der Schauspielerin und Musikerin Riah Knight, erklärt dies in ihrer englischen Muttersprache. Es ist eine internationale WG, wie sie vielfach zu finden ist in europäischen Großstädten. Margret ist aber nicht allein die Mitbewohnerin und Freundin von Marie, sie ist zugleich die kommentierende Erzählerin dieser Überschreibung des Büchner-Fragments. Das tut sie im Lauf des Abends immer mehr in Form von Musik, von eigenen und aus aktuellen Playlists bekannten Songs. So tritt Riah Knight immer wieder aus ihrer Rolle heraus, greift zur Gitarre, wird aus der miterlebenden Freundin zur beobachtenden Chronistin eines sich nahezu unmerklich ankündigenden Femizids.

Denn das ist es, was das Kollektiv um die in diesem Fall als Regisseurin agierende Katharina Stoll an der Geschichte interessiert hat: am Ende wird eine junge Frau durch ihren Partner ermordet,. „Ein guter Mord, ein ächter Mord, ein schöner Mord, so schön als man ihn nur verlangen tun kann, wir haben schon lange so kein gehabt“, sagt der Gerichtsdiener im Büchner-Fragment. Und Amanda Babaei Vieira sagt diesen Satz am Ende der Glossy-Pain-Vorstellung immer wieder, mal fassungslos, mal die Worte nachschmeckend, während sie am Bühnenrand sitzt, aus dem Guckkasten der WG-Küchenszene herausgetreten. Da ist ihre Marie schon tot, hat dieses Ende ihres jungen Lebens nicht ahnen können, hat doch immer wieder um ihre auf Augenhöhe ausgerichtete, nicht an der Ausschließlichkeit einer Zweierkonstellation ausgerichtete Vision von Liebe gerungen. Und Joshua Zilinskes Franz hätte das wissen müssen: zu Beginn seiner Beziehung mit Marie sitzt er mit den beiden jungen Frauen am Küchentisch und erfährt, wie Margret innerhalb einer Woche gleich zweimal Opfer von sexualisierter Gewalt wurde: einmal sitzt ihr im Bus ein Mann gegenüber, der sie anstarrt, ein „Blow-job-Gesicht“ macht und sich dabei selbst befriedigt, ein anderes Mal passiert ihr Ähnliches am Badesee. „So kurz hintereinander so ein Erlebnis?“ wundert sich Franz, während Marie und Margret nur aufseufzen. Willkommen im weiblichen Alltag.

Und dennoch kann auch dieser Franz, der so viel darüber erfahren könnte, der sich auch zu Beginn seiner Liebe für Marie zum Verständnis ihrer Perspektive verpflichtet, nicht gegen seine Besitzansprüche angehen. So wird der so sorgsam von den beiden Frauen für den ersten Besuch von Franz ausgewählte Song, „Breezeblocks“ von alt-J, zum Omen für diese Geschichte: „Please don´t go, I eat you whole, I love you so, I love you so“. Was als romantische Liebe beginnt, gerät über die Romantisierung des Pärchenmodells immer wieder in Gefahr, dass hier Besitzansprüche zu Gewaltakten führen. An jedem dritten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Marie war eine von ihnen.

So bietet die Woyzeck-Überschreibung von Glossy Pain einen sehr zeitgemäßen und längst überfälligen Blick auf das Ende dieser auf deutschen Bühnen häufig gespielten und in der Regel immer an der sozialen und psychischen Überforderung des Täters Woyzeck interessierten Geschichte, an der den Autor Georg Büchner unter anderem auch die Frage interessiert hat, die sich wie ein roter Faden durch sein gesamtes Werk zieht: Was ist das, was in uns lügt, modert und stiehlt? Eine Antwort hat das Theaterkollektiv, mit Blick auf das Opfer Marie, hier eindrucksvoll und nachvollziehbar gegeben. Vielleicht zog sich diese Auseinandersetzung am Ende etwas in die Länge, doch der Brisanz tat das keinen Abbruch.

Galerie
Bilder der Veranstaltung
Di, 30.01.2024 | © Werner Gruban - Theaterforum Gauting e.V.