Veranstaltungsinfo

Sa, 11.05.2019
19.00 Uhr
Schauspiel
Sonstiges
12,00 / 6,00 €*
* Regulär / Schüler - Karten an der Abendkasse verfügbar

Theaterjugendclub SpielLust: "Katzelmacher" von Rainer W. Fassbinder

Seit Oktober 2018 erarbeiten die Mitglieder des ersten Gautinger Theaterjugendclubs unter der Leitung von Lucie Mackert und Sebastian Hofmüller eine eigene Inszenierung des sozialkritischen Stückes "Katzelmacher" von Rainer Werner Fassbinder, die nun zur Aufführung kommt.
1968 in München uraufgeführt entstand das Stück, als die ersten “Gastarbeiter” in die BRD kamen und beschreibt mit scharfem Blick die Gruppendynamik unter jungen Menschen in einem Münchner Vorort, die sich plötzlich mit einem “Gastarbeiter”, der in ihrem Ort auftaucht, auseinandersetzen müssen und mit Hass, Ausgrenzung und Schuldzuweisungen reagieren. Der Jugendclub SPIELLUST schaut heute, wo ehemalige Gastarbeiter längst in dritter Generation in Deutschland leben und die Diskussion um ihre Integration von der “Flüchtlingsdebatte” abgelöst wurde, auf diese 50 Jahre alte Geschichte und erzählt sie aus heutiger Sicht noch einmal.

LUCIE MACKERT ist Schauspielerin, Sprecherin und Musikerin und hatte bereits zahlreiche Engagements an deutschen Theatern. Der Gautinger Schauspieler SEBASTIAN HOFMÜLLER leitete von 2012 bis 2016 den Jugendclub des Kleinen Theaters Kammerspiele Landshut.

Leitung LUCIE MACKERT & SEBASTIAN HOFMÜLLER

Mit LENI BERGER, DINA DEMCHENKO, LAILA DÖRMER, MARLENE ENGLER, ANA GÄNZ, CONRAD GRUEL, JOHANNA GÜNZEL, DANIEL HENKE, TOBIAS HENKE, LARA HÖNE, LARA KARL, CLARA KELLERSTRASS, NELE NOWAK, LEONIE PECKA, HELENE STROBL, JOSEPHINE WEHR, ANN-KATHRIN WITTIG, ENI XU


Gefördert durch:





Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2019

Nach(t)kritik 

Gut fünfzig Jahre alt ist Rainer Werner Fassbinders Theaterstück „Katzelmacher“, entstanden in einer Zeit, als die ersten Gastarbeiter nach Deutschland kamen. Die Geschichte vom „Griech` aus Griechenland“, den die Unternehmerin Elisabeth als kostengünstigen Arbeiter gewinnen kann und der durch seine bloße Anwesenheit die Bewohner eines Münchner Vorortes erst irritiert und dann zunehmend sich gegen ihn zusammenrotten lässt, hat an Aktualität nichts eingebüßt. 

Da ist auf der einen Seite die Ortsgemeinschaft: junge Menschen, die auf der Straße zusammentreffen, Bier trinken, auch schon mal gemeinsam die Dorfkneipe aufsuchen, die sich zu Pärchen zusammenfinden und wieder auseinandergehen, einander betrügen, Kinder zeugen, sich auf die Nerven gehen und wieder zusammenrotten. Und da ist auf der anderen Seite Elisabeth, die es geschafft hat, die beneidet wird und auch hier und da gehasst, der nachgesagt wird, sie habe sich rechtzeitig und geschickt zu den Honoratioren gesellt und sich deren Unterstützung erkauft, mit gewiss nicht immer moralisch einwandfreien Mitteln. In dieser ohnehin latent aggressiven Stimmung wird der Fremde, der „Katzelmacher“ - ein veraltetes Schimpfwort für Gastarbeiter, in Anlehnung an fahrende Kesselmacher - zum Funken, der alles in Brand setzt. „Eine Ordnung muss wieder her“, beschließen die, die selber schon jedwede Ordnung verloren haben, und prügeln den griechischen Gastarbeiter aus dem Ort.

Fassbinders „Katzelmacher“ ist hervorragend dazu geeignet, es mit Jugendlichen auf die Bühne zu bringen. Das stark stilisierte, mit Mitteln des Volkstheaters arbeitende Stück bietet gerade in einer Gegenwart, in der Fremdenhass geschürt wird, jungen Theaterbegeisterten Gelegenheit, den Mechanismen von Gruppenzwang und Ausgrenzung im Rollenspiel nachzuspüren.

Seit Oktober vergangenen Jahres hat sich unter dem Dach des bosco und unter der Leitung von Lucie Mackert und Sebastian Hofmüller der erste Gautinger Theaterjugendclub zusammengefunden und in knapp 20 Probeneinheiten „Katzelmacher“ erarbeitet. Heute war Generalprobe. Und die 18 Jugendlichen setzten mit großer Ernsthaftigkeit und professioneller Konzentration die vielen kleinen Szenen zu einer in sich geschlossenen Vorstellung zusammen. Dabei genügten ihnen als Bühnenbild ein paar quadratische und rechteckige Elemente, die sie mal zur Mauer, mal zur Fabrik, dann wieder zum Bahnhof zusammensetzten, um auf, neben, zwischen diesen kaleidoskopartig und in sich steigerndem Tempo die Entwicklung von einer Gruppe Jugendlicher zu einem aggressiven Mob sehr überzeugend zu spielen. Man spürt, wie intensiv hier in den Proben zusammengearbeitet wurde und wie genau die jungen Spielerinnen und Spieler aufeinander hören, miteinander agieren. Das Thema des Stückes - so ist es in jedem Moment der Aufführung zu spüren - liegt ihnen allen am Herzen: die Gefahr der Ausgrenzung, die sich allzu rasch in Hass und Gewalt verwandelt.

„Katzelmacher“, die erste Produktion des neuen Theaterjugendclubs „Spiellust“, ist am Samstag, den 11.05.um 19 Uhr im bosco zu sehen.

Pressestimmen 
Der Gautinger Theaterjugendclub hat sich für seine Premiere Rainer Werner Fassbinders "Katzelmacher" ausgesucht. Im Bosco reißen die jungen Schauspieler das Publikum mit ihrem Enthusiasmus mit

"Katzelmacher" bedeutet ursprünglich Kesselmacher. Sie gehörten meist zum fahrenden Volk, sodass die Bezeichnung bereits Mitte des 18. Jahrhunderts als Schimpfwort gebraucht wurde. Seit den 1960er Jahren wurde es in Österreich, Süddeutschland und der Schweiz abschätzig für Gastarbeiter aus Südeuropa benutzt, für Italiener, Griechen, Spanier. Die Geschichte von Jorgos, dem "Griech' aus Griechenland", den die Unternehmerin Elisabeth Plattner als billigen Arbeiter hergeholt hat und der von Anfang an von der Belegschaft und den Bewohnern des Münchner Vorortes gehasst und dann vertrieben wird, hat der Regisseur und Autor Rainer Werner Fassbinder 1967 geschrieben. Das Theaterstück ist heute so aktuell wie damals. An die Gastarbeiter hat man sich gewöhnt, heute sind die Flüchtlinge die verhassten Katzelmacher.

Der Gautinger Theaterjugendclub "SpielLust" hat sich das ambitionierte Stück für seine allererste Aufführung ausgesucht. Unter der professionellen Leitung von Sebastian Hofmüller und Lucie Mackert haben sich 18 junge Leute von 12 bis 20 Jahren das Theaterprojekt erarbeitet und mit großem Erfolg aufgeführt. Am Samstag war Premiere im Bosco. "Wir möchten den Erlebnisort Theater für Jugendliche öffnen", hatte Hofmüller vor einem Jahr versprochen und vom Herbst 2018 an mit der Truppe geprobt.

Das Motto "Theater macht stark" hat sie beflügelt. Einmal in der Woche haben sie für etwa drei Stunden an dem Stück gearbeitet und ausprobiert, was geht. Haben festgestellt, wie Gruppendynamik im guten Sinn und Teamarbeit funktionieren. Sicher, der Anspruch war groß, der Text ist heftig. Fassbinder war bekannt für seine oft derben Sprüche und aggressiven Zitate, die nicht weit entfernt sind von den hässlichen Aussagen der Rechten von heute. Es geht also um Szenen, die von Unverständnis und Ausgrenzung handeln, von Fremdenhass und Vertreibung. Man nimmt Jorgos übel, dass er da ist, dass Marie in ihn verliebt ist. Ihr nimmt man übel, dass sie so einen wie ihn anschaut. Wobei das Verhältnis selbst nicht unproblematisch ist, schließlich hat er daheim in Griechenland eine Frau und zwei Kinder, auch das wieder Anlass zu Häme und Hass. Die Mechanismen von Konkurrenz und Gruppenzwang werden in der Story schnell erkennbar. "Eine Ordnung muss wieder her", beschließt die Bande. Die Pläne, den Außenseiter loszuwerden, reichen bis zum Mord. Doch dazu kommt es nicht, der Griech' wird verprügelt und fortgejagt. Wegzugehen - das hatte er selbst schon vor. Denn Elisabeth, die Fabrikbesitzerin, wollte ihm einen noch billigeren Türken zur Seite stellen. Und das geht ja gar nicht!

Anfangs ist es schwierig die Jugendlichen zuzuordnen. Auch weil sie einige Zeit brauchen, bis sie sich frei gesprochen haben und laut und deutlich genug sind. Sie sind nur als Ensemble greifbar, auch wenn einige herausragen, wie die schwangere Helga, die freundliche blumenbekränzte Marie, die strenge Elisabeth oder die singende Inge. Klar erkennbar ist die Begeisterung der Truppe, die Lust am Spielen. Und ja, im Publikum sitzen nicht nur Eltern, Großeltern, Geschwister, Freunde, die natürlich nicht mit Applaus geizen, sondern auch Theaterfreunde, die am Experiment interessiert sind. Auch sie lassen sich vom Enthusiasmus mitreißen. Und Hofmüller verkündet, dass in den Faschings- und Osterferien im kommenden Jahr wieder Theaterworkshops geplant sind.
Theaterjugendclub debütiert im Gautinger Bosco mit Fassbinders „Katzlmacher“

Gewalttätige Ausschreitungen mit ausländer-feindlichem Hintergrund: So würde wohl heute die Zeitungsmeldung lauten. Sie würde die Extremismus-Debatte wahrscheinlich kaum befeuern, haben wir uns doch an die Schlagzeilen längst gewöhnt. Noch dazu gibt es ja nur ein Opfer…

Das Schlimme dabei: Diese Milieustudie zur Entstehung von radikaler Gesinnung ist genau vor 50 Jahren erstmals gezeigt worden. Rainer Werner Fassbinder hat mit seinem zweiten Spielfilm „Katzlmacher“ eine weitsichtige Steilvorlage für heute fabriziert, die nun der Theaterjugendclub im Gautinger Bosco bei seinem Debüt auf die Bühne bringt. Damit ist der Anspruch, den das Theaterforum mit der neuen Jugendgruppe hat, wie ein Markstein in den sonst oft Bauerntheater-geprägten Landkreis gesetzt. Die beiden Spielleiter, Lucie Mackert und Sebastian Hofmüller, sind Vollprofis, die sich ein hochpolitisches und gesellschaftsrelevantes Stück gesucht haben.

Die Nachwehen der NS-Zeit und des Krieges, die Enge der Vorstadt, die Perspektivlosigkeit der Jugend, die Gruppenbildung, die Rangordnungen, die Nähe von Sehnsucht und Liebe zu Frust und Gewalt: All’ das findet in den 1960er Jahren im Stück sein Ventil, als ein griechischer Gastarbeiter zum Feindbild erkoren wird. All’ das kulminiert wiederum in der Analyse, dass der Gastarbeiter eine Umwandlung bringt, wo man doch seinen Frieden haben will. Fassbinder hat schon vor 50 Jahren erkannt, dass es die Angst vor Veränderung ist, die ein Bündnis gegen das Anderssein begünstigt.

Die lähmende, sinnentleerte Tradition hat der Filmemacher mit statischer Kamera eingefangen, in Gauting arbeitet man mit Stille, Frontalspiel, szenischen Aufstellungen und hat einen durchaus auch quälenden Mut zu Langsamkeit. Gegenpol dazu sind die vielen musikalischen Akzente, zum Teil nur sekundenlang, dann wieder einen ganzen Text zerhackend. Hier hat man sich an die Aufführungen des Münchner Volkstheaters von 2016 angelehnt. Während dort aber skurrile Kostüme und Figurennischen an den Wänden für historische und futuristische Abstraktion sorgten, setzt Gauting auf Purismus: ein paar Klötze für die Bühne und Alltagskleidung. Der Verweis auf heute erfolgt zudem bei der Fließbandarbeit, stilisiert unter Discolicht, und bei der Möchtegern-Sängerin im Girlie-Look samt Zickenkrieg.

18 Personen verkörpern die eingeschworene Gruppe, die sich ihre eigenen Zwänge, Regeln und Hierarchien geschaffen hat, mehr oder minder unterschwellig geprägt von Gewalt, unterdrückten Wünschen, Neid, Langeweile. Es gibt im Programmheft keine Zuordnung und keine Hauptrollen. Wie im wahren Leben.