Nach(t)kritik

Do, 26.09.2019
20.00 Uhr
Schauspiel

"Alle kommenden Generationen haben euch im Blick"

Künstler: 
Metropoltheater München

Ein Fisch fällt vom Himmel direkt auf den Tisch von Gabriel York. Es ist das Jahr 2039, und Fische gehören ins Reich der Erinnerung. Gabriel wartet auf seinen Sohn Andrew, der schon lange nicht mehr daheim war. So, wie Gabriel selber sein Elternhaus verlassen hat, sobald dies möglich war, und sich nicht mehr hat blicken lassen daheim - nicht einmal, als seine Mutter starb. Aber irgendwann kommt der Punkt im Leben der Kinder, an dem sie wissen wollen, woher sie stammen. Darum kehrt Andrew im Jahr 2039 zurück, und darum macht sich Gabriels Vater, der ebenfalls den Namen des Erzengels trägt, im Jahr 1988 auf den Weg von London nach Australien, wohin zwanzig Jahre zuvor sein Vater Henry Ford aufgebrochen und nie mehr zurückgekehrt war. Eine Familiengeschichte, die sich über zwei Kontinente und vier Generationen hinweg entfaltet, die achtzig Jahre umspannt und mehrere tragische, auch gewaltsame Todesfälle enthält und über der immer wieder der Regen niedergeht, sturzflutartig, alles ertränkend, verwaschend. „In Bangladesh ertrinken die Menschen“, sagte Henrys Frau Elizabeth immer, und ihr Sohn Gabriel nimmt diesen Spruch mit nach Australien, ans andere Ende der Welt.

„Das Ende des Regens“, heißt das Theaterstück des australischen Schriftstellers Andrew Bovell, mit dem das Ensemble des Münchner Metropoltheaters im bosco gastiert. Die vier Schauspielerinnen (Lilly Forgach, Eli Wasserscheid, Dascha von Wabere und Vanessa Eckart) und drei Schauspieler (Thomas Schrimm, James Newton und Hubert Schedlbauer) erzählen auf einer regendüsteren Bühne (Bild: Thomas Flach) in der auf Reduktion und eine melancholische Konzentration setzenden Inszenierung von Jochen Schölch eine Geschichte vom Schweigen der Älteren über die Schuld an und das Versagen gegenüber den Jüngeren. Die Erzählweise ist nicht linear, kann es auch gar nicht sein. So, wie im Stammbaum der Familie (der glücklicherweise im Programmheft abgedruckt ist und vom Publikum als äußerst hilfreich empfunden wird), der die vier Generationen nebeneinander und damit auf einer gleichen Ebene abbildet, so stehen die Ereignisse der Familiensaga wie ein Tableau auf der Bühne. Die Suche des Gabriel Law nach seinem verschwundenen Vater Henry ist dabei ein Angelpunkt, von dem aus die Geschichte zurückwandert zur tragischen Ehe seiner Eltern in London und vorauswandert zu Gabriels eigenem tragischen Ende. Denn in Australien trifft er auf Gabrielle und verliebt sich in sie, ohne zu ahnen, dass er in den traurigen Augen dieses einsamen, unter den grausamen Todesfällen ihrer Familie leidenden Mädchens den Grund für das Verschwinden seines Vaters finden wird. Bis hin zu Gabriels eigenem Sohn und zu seinem Enkel Andrew (die er beide nie kennenlernen wird) wird sich das Leiden an Henrys Schuld und seinem Verschwinden fortsetzen, vererben. Die Vergangenheit besitzt eine Macht über die Gegenwart und Zukunft, die Toten beherrschen die Lebenden wie ein Fluch. „Das Ende des Regens“ entwickelt in dieser Inszenierung eine donnernde Wucht wie die eines antiken Dramas.

Er solle ein Theaterstück vor dem Hintergrund des Klimawandels schreiben, lautete der Auftrag an Andrew Bovell. Was aber hat eine Familiensaga mit dem Schmelzen des Ewigen Eises, dem Ansteigen des Meeresspiegels, dem ganzen Szenario der Klimakatastrophe zu tun? Weit mehr, als es auf den ersten Blick den Anschein haben mag. Denn die unbestrittene Tatsache, dass es im Jahr 2039 vermutlich wirklich keine Fische mehr geben wird, ist dem Missbrauch der Groß- und Urgroßelterngeneration an den Ressourcen geschuldet, die sie eigentlich den kommenden Generationen unzerstört zu übergeben haben. „Alle kommenden Generationen haben euch im Blick“, hat die Ikone der Fridays-for-future-Bewegung, Greta Thunberg, vor kurzem in einer wütenden Rede zur Eröffnung des Weltklimagipfels erklärt, „und wenn ihr euch dazu entscheidet, uns im Stich zu lassen, dann entscheide ich mich zu sagen: wir werden euch das nie vergeben!“ Die klare und notwendige Ansage der Enkelgeneration an die, die lange vor ihr die Weichen gestellt und damit versagt haben.

Sabine Zaplin, 27.09.2019
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