Nach(t)kritik

Mi, 29.01.2020
20.00 Uhr
Kabarett

Ansteckender Spaß

Veranstaltung: 
Künstler: 
Schlachtplatte
Hätten Sie lieber im Jahre 1916 gelebt? Wohl kaum, denn die „Endabrechnung 2019“ fällt trotz Klimawandel, Rechtsruck, Trump wieder ziemlich vergnüglich aus: Der Kölner Kabarettist Robert Griess hat für seine alljährliche „Schlachtplatte“ diesmal drei Kolleginnen zur Verstärkung mitgebracht, die allesamt auch als Solo-Künstlerinnen Furore machen – die beim „Bosco“-Publikum sehr beliebte Sarah Hakenberg, die nicht minder geschätzte Schweizerin Lisa Catena sowie die großartige Dagmar Schönleber, die sich beim Ausdruckstanz immer so schön verausgabt.

Wie schon bei früheren Auflagen des Konzepts „Schlachtplatte“ (2018 z.B. mit den Griess-Gesellen Fred Ape, Guntmar Feuerstein und dem stimmgewaltigen Chin Meyer) waren auch heuer viele Gesangsnummern im Spiel, um das textliche Bilanzieren aufzulockern und den Spaßfaktor zu erhöhen - gewiss kein Zufall, denn insbesondere Hakenberg dreht dann erst so richtig auf, während Griess, Catena und Schönleber (letztere mit viel Körpersprache) überwiegend ohne Gesang ihre Pointen setzten. Robert Griess glänzte hierbei natürlich auch wieder als Kölscher Prolet im Trainingsanzug, der „Maklerärgern“ zu seiner Sportart erklärt hat und bei Wohnungsbesichtigungen die Ware mies macht. Zum Dauer-Ärgernis Donald Trump stellte Griess – diesmal als er selbst - die charmante Überlegung an, warum denn der CIA nicht da sei, wenn man ihn mal brauche. Der US-Geheimdienst sei heutzutage „nicht mal mehr in der Lage, ´ne offene Cabrio-Fahrt durch Dallas zu organisieren“.  

Geht es um den leidigen „Brexit“, nimmt der Kölner die Sichtweise des Rheinländers an, der durchaus auf den oft präpotenten Süden verzichten könnte: Überall separatistische Bestrebungen, „nur aus Bayern hört man nichts.“ Klar, dass auch der „Rheinische Friedensplan“ für den Nahen Osten darin mündet, über Syrien „palettenweise Dosenbier und Playboy-Hefte abzuwerfen“ und danach einen Karnevalsverein zu gründen.

Die „Schlachtplatte“ bot auch diesmal Soli und Ensemble-Nummern im steten Wechsel, wobei Lisa Catena in ihrer eher zurückhaltenden und tiefgründigen Art des Um-die-Ecke-Denkens den Kontrapunkt zu den anderen drei Mitstreitern lieferte. Exkurse über Tod, Sterbehilfe und Wiedergeburt („Einen Buddhisten zu erschießen ist extrem sinnlos“) oder auch die altgriechischen Ursprünge des Begriffs „Hysterie“ können mit der Schweizerin erstaunlich unterhaltsam werden. Dagmar Schönlebers Part bei der 2019er-Rückschau war der vielleicht anstrengendste – ihre Themen: Wie steht es aktuell wirklich um die Emanzipation der Frau und ihre Bereitschaft zur Rebellion? Zwischenbilanz: „Super Idee, aber was ziehen wir an?“ Oder später die von ihr zu beackernden Internet-Phänomene „Hate Speech“ und „Shitstorms“: Schönleber beantwortet all das mit einer „Troll of Love“-Offensive und der kräftezehrenden Gesangs- und Discofox-Tanznummer „Love Is In The Nets“ – danach muss sie jemanden im Publikum zu Recht fragen: „Weinen Sie?“

Sarah Hakenberg, die wie erwähnt in Gauting längst ihre glühenden Fans hat, überzeugte an Klavier und Ukulele mit einigen besonders gelungenen Gesangstexten – das Lied „Hilf mir beim Umzug“, in typischem, fröhlich trällerndem Hakenberg-Vortrag kredenzt, wendet sich an rechtsradikale Wochenend-Marschierer und bietet ihnen die sinnvolle und auslastende Beschäftigung als Möbelpacker an: Man kann danach kaum noch den rechten Arm heben . . .
Auch die Entdeckung des Missklang-Akkords a-f-d am Piano buchstabierte sie wieder, da hat sich wenig geändert im Lande.

Das strikt Politische wird bei der „Schlachtplatte“ häufig nebenbei abgehandelt. Griess zieht natürlich gerne mal die ewig meckernden „Ostlinge“ durch den Kakao, fordert den „Soli für Köln“ oder spricht von „zweizeiligen Schmähgedichten ohne Ziege“. Es kommen aber auch deutliche Sätze, etwa über jene 1 Prozent muslimischen Bevölkerungsanteils in Sachsen, die den selbsternannten Reinheitswächtern dort so Angst machen: „Das sind die paar Türken, die noch den Mut haben, Döner-Buden zu betreiben, damit die Skinheads nach der Arbeit was zu essen haben.“ Sarkasmus ist manchmal näher an der Wahrheit als sanfte Ironie.

Die Ensemble-Teile der 2019er Abrechnung bereiteten vor allem musikalisch wieder große Freude: Zu mindestens zehn „ABBA“-Songs wurden steigende Mieten („Isch kann misch meine eijene Stadt nisch mer leisten“, spricht der Kölsche Jong) , enthemmte Banker und Spekulanten, ja der ganze Turbo-Kapitalismus abgefrühstückt – aus „Waterloo“ wird da logischer Weise „Außen-Klo“, die Melodie von „Take A Chance On Me“, na klar, mutiert zur Ode an den Makler-Gott: „Gib die Wohnung her!“ Es bereitete dem gemischten Quartett ersichtlich selber Vergnügen, sich querbeet auszutoben – und sogar noch das aktuelle Stichwort „Corona“-Virus einzubauen. Ansteckender Spaß also. Das Konzept funktioniert, die Frisur hält. Glaubt man den Beifallskundgebungen, freut sich der Gautinger schon jetzt auf ein Wiedersehen am 23. Januar 2021, zur „Endabrechnung“ für 2020.
Thomas Lochte, 30.01.2020

Direkt nach der Veranstaltung schreiben professionelle Kulturjournalist*innen eine unabhängige Kritik zu jeder Veranstaltung des Theaterforums. Diese Kritik enthält dabei ausschließlich die Meinung der Autor*innen.
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2020