Nach(t)kritik

Do, 14.02.2019
20.00 Uhr
Literatur
Musik

Atmendes Wesen mit Spannweite

Veranstaltung: 
Künstler: 
Más Que Tango & Katja Schild

Es ist, als sähe man den Kontraktionen eines Herzmuskels zu oder einem atmenden Wesen, das gefangen ist und sich dagegen auflehnt: Einem Bandoneon, jenem akkordeonartigen Instrument aus Südamerika, das wie kein zweites für den Tango und dessen vielschichtige Emotionalität steht. In den Händen von Christian Gerber erwacht dieses seltsame Wesen aus Holz und Metall zu einer eigenständigen Persönlichkeit, der ein gewisser Astor Piazzolla kompositorisch einst höchst komplexe Charakterzüge verpasst hat. Das Trio „Mas Que Tango“ widmete gemeinsam mit der Schauspielerin und „BR“-Sprecherin Katja Schild dem Erfinder des Tango Nuevo einen buchstäblich denkwürdigen Abend unter der Überschrift „Ein Leben für den Tango.“

Schild lässt den 1921 im argentinischen Mar del Plata als Sohn italienischer Einwanderer geborenen Piazzolla gleich zu Beginn mit einem Satz zu Wort kommen, den er 1990, zwei Jahre vor seinem Tod in Buenos Aires, wie eine Bilanzeröffnung zum eigenen Leben formuliert hatte: „Ich muss die Wahrheit sagen, die unverstellte Wahrheit...“ Da rechnet offenkundig ein Mann ab, dessen Dasein wie ein einziger Existenzkampf anmutet. Der schon als vierjähriges Kind mit seinen Eltern aus blanker Not nach New York emigrieren musste und als Heranwachsender die Härte der Straße kennenlernte. Der sich prügelte, von zwei Schulen flog und über diese Zeit später schrieb: „Ich legte mich mit der ganzen Welt an.“ Der ab 1937 nach Rückkehr in seine Heimat, also mit erst 16 Jahren, die Aufführung eines Tango-Ensembles erlebt und von dessen neuartiger Interpretation des Tango vollkommen fasziniert ist – fortan wird Astor Piazzolla seinen eigenen Weg zur Deutung dieser Musik suchen und finden, vor allem das Bandoneon-Spiel erlernen. Er wird bei Orchestern anheuern und sie wieder verlassen, ein eigenes gründen und es wieder auflösen, stets angetrieben von dem Gedanken, aus der Urform des Tango einen eigenen Stil, eine eigene Ausdrucksform zu destillieren, die sogar Klassikelemente aufnimmt und das Ganze auf eine ganz andere Ebene hebt.

„Mas Que Tango“, bestehend aus Iris Lichtinger (Klavier), Martin Franke (Violine) und Christian Gerber (Bandoneon), zeichnete im bosco diesen steinigen Weg Astor Piazzolas mit kompositorischen Beispielen aus seinem Werk nach. Eine Entwicklung wurde erkennbar und hörbar, die sowohl die biografischen Brüche seines Lebens spiegelt als auch den radikalen Furor des Erneuerers: Erst ein Stipendium bei der Pariser Kompositionslehrerin Nadia Boulanger 1954 – ganz entzückend „lehrerinnenhaft“ gesprochen von Katja Schild - weist dem von Tango-Traditionalisten beschimpften und von Existenznöten geplagten Außenseiter die Richtung, beseitigt seine kreativen Restzweifel und ermutigt ihn endgültig, den Tango Nuevo zu manifestieren: „Der Hunger klopft auch an die Türen jener Häuser, in denen man gute Musik hört“, stellt er rückblickend fest. Piazzollas Einflüsse schöpfen erklärtermaßen aus mehreren Quellen: persönliche Begegnungen wie etwa mit dem großen Tango-Musiker Carles Gardel spielen eher die Rolle der Initialzündung, es einmal „anders“ machen zu wollen; an Komponisten wie Strawinsky, Bartók, Hindemith, Ravel, Bach und sogar Mozart schult er seine eigene Kompositionstechnik, doch sein größter Lehrmeister war nach eigenen Worten die Tango-Stadt schlechthin gewesen - Buenos Aires mit ihren strahlenden und ihren abgründigen Seiten. Er sei in Bordellen aufgetreten  und habe mit seinem Bandoneon und seiner Musik den Weg „bis zur Philharmonic Hall New York“ gefunden, wird er eines Tages nicht ohne Genugtuung sagen können.

Im wunderbar ausbalancierten Zusammenspiel von Bandoneon, Violine und Klavier, zuweilen auch dialogischen Passagen nur zweier dieser Instrumente, legte „Mas Que Tango“ diesen Weg und letztlich die ganze Bandbreite der erneuerten Tango-Musik Piazzollas offen: Man glaubte regelrecht heraushören zu können, wie die Intellektualität Einzug hält ins zuvor reine Gefühl; man schwelgte nahezu walzerselig im einen Moment – und dachte im nächsten schon darüber nach. Am Ende hat Astor Piazzolla mit dem erlangten Weltruhm sozusagen doch noch „den Lohn eingefahren“ für seinen entbehrungsreichen Erneuerungskraftakt: „Ich habe mein ganzes Leben für den Tango gearbeitet,“ schreibt er, „heute erwarte ich, dass der Tango für mich arbeitet.“ Piazzolla stirbt 1992 in Buenos Aires. Als Argentinien 1983 von der Militärdikatur befreit wurde, war der Verstoßene endgültig heimgekehrt zu seinen Wurzeln. Und auch der Tango war nun von seinen alten Fesseln befreit: Das Bandoneon in den Armen von Christian Gerber breitet am Ende des Bosco-Abends noch einmal seine ganze Spannweite aus. Zugabe, „Libertango“ - was sonst?

Thomas Lochte, 15.02.2019
Galerie 
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