Nach(t)kritik

Mi, 20.02.2019
20.00 Uhr
Literatur

Auf Worte folgen Taten - wenn Dichter sich ermächtigen

Veranstaltung: 
Künstler: 
Gerd Holzheimer "Auf geht´s: Zu neuen Ufern!" (4)

„Wir brauchen eine neue Sprache“, hatte einst Gustav Landauer gefordert. Der Schriftsteller, Sozialist und Pazifist war einer der Köpfe der Münchner Räterepublik, einer der vielen Schriftsteller und Denker, die diese kurze Epoche prägten. Selbstverständlich lag ihm die Sprache, dieser ideelle Schatz aus Worten, besonders am Herzen, und er fand die bestehende Sprache aufgrund ihrer Herkunft aus Diktatur, Unterdrückung und Krieg einer Republik nicht würdig. Sein besonderes Sprachgefühl und die Fähigkeit, mit Worten umzugehen, teilte Landauer mit den anderen Weggefährten dieser Zeit, Dichter und Erzähler wie er selber. „Ein Dichter ist der Seher des Zukünftigen“, hat Kurt Eisner gesagt, der erste Ministerpräsident des Freistaates Bayern. Ihm und den anderen revolutionären Dichtern, die für eine kurze Zeit Machthaber gewesen sind, ist der vierte Abend der Literaturreihe von und mit Gerd Holzheimer, „Auf geht´s zu neuen Ufern“, gewidmet, den als Zitator der in Wessling lebende Schauspieler Peter Weiss begleitet.

Nach Abenden, die sich dem Zerfall der Monarchie widmeten, der Anwesenheit Lenins in München und in Stockdorf, dem revolutionären Boden in Wahnmoching und der Wandlung von Revolutionären in Funktionäre, stehen nun die Dichter und Denker im Fokus der literarischen Spurensuche. Wie kann aus Dichtung Revolution werden, lautet die Fragestellung, und die Antwort gibt der Titel des Abends: „Bumm, des hat gsessn! - Revolutionäre Dichter an der Macht“.

Die Herrschaft der Dichter fällt in eine Zeit des Umbruchs und der Unruhe. Die Schrecken des Ersten Weltkriegs dominieren nächtliche Träume und Ängste des Alltags. Alle herkömmlichen Orientierungen sind obsolet, dennoch sehnen sich viele mangels Mut und Vorstellungskraft nach den alten Zeiten und Herrschaftsformen. Andere hingegen wagen zu träumen, von sozialer Veränderung, Mitbestimmung, Freiheit. Eine „Realpolitik des Idealismus“ wünscht sich Kurt Eisner, und der Dichter Erich Mühsam, zentrale Figur der Schwabing Bohéme, gründet eine sozialistisch anarchistische Gruppe mit dem sprechenden Namen „Tat“ - der Worte waren schließlich bald genug gewechselt.

Genau wie einst Mühsam im Wittelsbacher Palais, so stieg auch im bosco Peter Weiss auf den Stuhl, um aus derart erhabener Position die Forderungen des Dichter-Revolutionärs vorzutragen. Dass er mit dem, was sein Mitrevolutionär Kurt Eisner später in seiner Eigenschaft als Ministerpräsident unternahm, nicht immer einverstanden war, davon zeugen wieder andere Worte Mühsams, auf die nicht immer Taten folgen sollten. Was an Taten folgte, ging weniger auf Mühsams Konto als vielmehr auf das jener, die den neuen Zeiten noch lange nicht gewachsen waren und die wohl weniger Wert auf einen sorgsamen Umgang mit Sprache legten. Konservative Stimmen wie jene des Lehrers und Schriftstellers Josef Hofmiller, aus dessen „Revolutionstagebuch“ Weiss vorlas, geben davon beredt Zeugnis.

In zahlreichen klug gewählten Quellenzitaten folgt dieser Abend den lebhaften und vor allem poetischen Spuren einer Zeit, die heute entweder verklärt oder gleich ganz unter den Tisch gekehrt wird - der zur Zeit amtierende Ministerpräsident habe, so Holzheimer, tatsächlich geschafft, im Verlauf seiner Rede zum 100. Geburtstag des Freistaates Bayern den Namen des Begründers desselben nicht zu erwähnen, weshalb der Name des amtierenden Ministerpräsidenten im Laufe des literarischen Abends nun ebenfalls nicht genannt werde sollte. Bumm! Des hat gsessn!

Sabine Zaplin, 20.02.2019
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2019