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Nach(t)kritik

Mi, 09.06.2021
20.30 Uhr

Ausdruck in reinster Form

Veranstaltung: Alexander Krichel, Klavier: Beethoven und Mussorgskij (Ersatztermin)

Keine Frage, der Pianist Alexander Krichel sorgte dafür, dass die Beethoven-Sonate d-Moll op. 31/2 ihren Beinamen zurecht trägt. „Der Sturm“ wütete aber ganz im Sinne des Komponisten nicht durchgehend und auch nicht gleichstark. Das musikalische Anliegen Beethovens ist vielmehr das kontraststarke Dialogisieren von melodiöser Lyrik mit ruhelosem, teils ruppigem Vorantreiben. Die von Beethoven angekündigte neue Art zu komponieren, nahm hier geradezu expressive Züge an. Für Krichel wohl ein überzeugender Grund dafür, die Sonate mit Mussorgskijs „Bilder einer Ausstellung“ in einem Programm zu kombinieren.

Wie kaum eine andere Beethoven-Sonate ist das d-Moll-Werk von einer stark erzählerischen Dichte und Intensität. Selbst im Adagio-Mittelsatz blieb das kontrastierende Element bestehen, wenn auch hier von einem lyrisch-melodischen Vordergrund überspannt. Das tremolierende Blitzen und Grollen hielt die Spannung des ersten Satzes aufrecht, um sie im Schlusssatz in einem entfesselten Vorantreiben zu entladen. Alexander Krichel nutzte jedenfalls die satzübergreifende thematische Anlage des Werkes dafür, eine Art erzählerischen Zyklus in drei Teilen zu kreieren.

Dass Krichel in seinem Kernrepertoire die Wiener Klassik und Romantik sowie russische Komponisten der nationalen Prägung zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert vorzuweisen hat, ist einerseits mit seinem breiten Ausdrucksspektrum begründet, was andererseits auf der technischen Seite mit einer weiten anschlagstechnischen Differenzierung verbunden ist. Er ist in der Lage, genauso zarteste Farbklangspiele zu hauchen – betörend schön in der Zugabe mit Chopins Nocturne Nr. 20 cis-Moll op. posth. – wie brachiale Gewalt walten zu lassen. Und beide Extremen konnten auch knapp aufeinander folgen, ohne das Werk zu zerreißen. Dahingehend zeigte Alexander Krichel das nötige Fingerspitzengefühl, die inhaltliche Einheit des Werkes nicht gänzlich der Expressivität preiszugeben.

In Mussorgskijs Bildergalerie galt diese Aussage bei der Betrachtung des gesamten Zyklus nicht minder. Indem der Komponist die „Promenade“ und Zwischenspiele hinzukreierte, richtete er schon in der Anlage des Werkes den Fokus auf die Gesamtwirkung, ohne die detailfreudigen thematischen Spitzfindigkeiten zu vernachlässigen. „Bilder einer Ausstellung“ zeigte sich im Spiel Krichels von seiner erstaunlich modernen Seite. Tatsächlich hat der Komponist einen Aspekt ins Spiel gebracht, der über seine Zeit hinaus weist: Mussorgskij warf jeglichen stilistischen Ballast ab und erschuf einen virtuellen Ausstellungsbesuch, in dem ausschließlich die Wahrnehmung der Bilder ins Akustische übertragen wurde. Es ist sozusagen Ausdruck und Klangmalerei in reinster Form. Krichel verließ sich gänzlich auf seine Vorstellungskraft und nahm sich die Freiheit, das Jahr der Entstehung des Werkes 1874 etwas außer Acht zu lassen, was dem Werk keinesfalls schadete.

Leider sind nicht alle Bilder von Viktor Hartmann erhalten, die Mussorgskij aus einer tatsächlich 1873 stattgefundenen Ausstellung ausgewählt hatte. Betrachten wir heute etwa „Das Heldentor (in der alten Hauptstadt Kiew)“, erscheint es keinesfalls monumental, eher als eine verspielte Kulisse für einen Märchenfilm. Die Musik verrät indes, welche Wirkung es auf die Menschen des 19. Jahrhunderts gehabt haben muss. Krichel ließ hier eine Vision einer imposanten Architektur emporwachsen, griff aber auch die eingeflochtenen Nebenepisoden mit ebenso intensiver Aufmerksamkeit auf, um der beschreibenden Kompositionsart Mussorgskijs gerecht zu werden. Ein fesselnder Vortrag, der nach so vielen Monaten der Abstinenz genauso lustvoll gespielt wie gehört wurde. Frenetische Ovationen machten es auf der Seite des vorgabengerecht verstreuten Publikums deutlich.

Reinhard Palmer, 10.06.2021


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