Nach(t)kritik

Mi, 03.04.2019
20.00 Uhr
Jazz

b - a - c - h

Veranstaltung: 
Künstler: 
Henning Sieverts

Ein bemerkenswert voluminös gespielter Kontrabass macht den Anfang, und eine offenbar nicht vegetarisch gestimmte Dame im Publikum brummt anerkennend, ebenfalls aus dem Bauch heraus: „Nicht so ein Strich, sondern ein richtiger Kontrabass!“ Der Bediener des bauchigen Instruments, dem derlei Lob gebührt, ist Henning Sieverts, der bei seinem insgesamt dritten Auftreten im Bosco zwei weitere Meister ihres Fachs mitgebracht hat: Nils Wogram an der Posaune und Ronny Graupe an der elektronisch verstärkten Gitarre. „Symmethree“ heißt diese musikalische Dreiecksbeziehung, deren Output nach geradezu geometrischen Prinzipien funktioniert – Sieverts selber sagt dazu: „Ich knoble gerne, Vieles dreht sich um gespiegelte Melodien und Rhythmen.“ Pate und Stichwortgeber des symmetrischen Konzepts ist laut Sieverts ein gewisser Herr Bach (mutmaßlich Johann Sebastian), dessen vier Buchstaben b-a-c-h ja auch noch einen harmonischen Baustein liefern. Aus solchem Theorie-Gepäck zaubern Sieverts, Wogram und Graupe nun trotz formalistischer Regeln die erstaunlichsten Bach-Blüten, wobei die Instrumente abwechselnd eine Art Hauptmotiv vorgeben, dessen Spiegelungen bzw. notenmäßige Umkehrung häufig den andern beiden „Schenkeln“ dieses Dreiecks überlassen sind.

Wograms Trombone kann da schon mal fast minutenlang demutsvoll auf einer einzigen Tonhöhe verharren, während Graupes Gitarre „oben drüber“ turnt oder Sieverts Bass „darunter“ gründelt, doch das Spiel geht auch andersherum: Ist die Balance bzw. die kompositorische Symmetrie hergestellt, endet so ein Stück ziemlich rasch – Auftrag erfüllt, Gleichung gelöst. Obwohl die einzelnen Stücke „Quer-Blues“ oder lebensbejahend „One For Paul“ heißen (damals von Papa Henning geschrieben zur Geburt des Sohnes), fürchtet man an diesem Abend lange Zeit, dass das formale Korsett die Freude am Spiel doch ein wenig ersticken könnte – Sieverts spricht immer wieder von „Arbeitstiteln“, als kämen die Drei frisch aus dem Labor oder gar dem Teilchenbeschleuniger. Der Spaß aber obsiegt: Der unerschrockene Nils Wogram – er hat schon mit einem serbischen Pianisten namens Bojan Zufilkarpasic konzertiert – scheint allerdings vor keinem noch so technisch anspruchsvollen „Berg“ Angst zu haben: „Bach-Stapeln“ heißt so ein vertrackter Achttausender, den er ganz ohne Sauerstoffgerät bezwingt. Sieht auch noch ziemlich locker aus, wenn er sich in einer Gebläse-Pause auf den Schieber seiner Posaune stützt, als wäre es ein drittes Bein.

Zwei gemeinsame CDs haben Sieverts, Wogram und Graupe bereits eingespielt, eine dritte soll im Juni folgen. Musikgeschichtliche Querverbindungen und Seelenverwandtschaften auszuloten und auszudeuten macht vor allem Sieverts großen Spaß: Zitierfreudig wird John Coltrane in Beziehung zu Bach gesetzt, so dass das Ergebnis nahezu zwangsläufig „Giant B.“ heißen muss. Ein weiteres Stück heißt „Glas(s)-Bach“, als solle auch der amerikanische Minimal Music-Vertreter Philip Glass ins Spiel gebracht werden. Der Kreativität sind höchstens formale Grenzen gesetzt: Sieverts wechselt beim Bosco-Abend zwischendurch auch mal vom Kontrabass zum Violoncello, um mit dem beiden Anderen das Klangbild eines sich verlangsamenden Glücksrades zu erzeugen – auch hier wird kompositorisch also etwas ausgereizt: So ein Violoncello kann ja richtig originell gehandhabt werden, wenn man sich traut. Für eine ältere Komposition wiederum ließ Sieverts sich von Paul Klees Bild „Föhn im Marc´schen Garten“ inspirieren, und nicht zufällig kommt die Tonfolge b-a-c-h darin vor. Je länger das Ganze voranschritt, desto mehr schienen sich die Protagonisten von den selbst auferlegten Gesetzmäßigkeiten eines Dreiecks zu befreien: Der bewundernswert disziplinierte Graupe durfte inmitten eines Olivier-Messiaen-Blues („Nine On Twelve“) eine zigeunerswingartige Solo-Passage spielen, Wogram bei verschiedenen Gelegenheiten auch die warmherzigen Seiten seiner Trombone ausagieren. Und Sieverts? Lächelte fast den ganzen Abend, als habe er ein Sudoku-Heft gelöst – eine geglückte Ménage-à-trois.

Thomas Lochte, 04.04.2019