Nach(t)kritik

Mi, 28.11.2018
19.30 Uhr
Musik

Chicago Blues der härteren Gangart

Künstler: 
3. Gautinger Bluesnacht
Wenn der Blues ruft, brummt der Laden. Die Gautinger Bluesnacht hatte keine Mühe, sich zu etablieren. Zum dritten Mal ließen sich nun die Blues-Fans ihre Seele massieren. Die Stimmung zündete bei vollem bosco-Saal im Grunde schon mit den ersten Tönen der „Vorband“, die sozusagen Sugar Ray & The Bluetones etwas Zeit verschaffte, sich zu akklimatisieren. Gauting ist zwar nicht New Orleans und die Würm nicht der Mississippi River, doch das hielt die Robert Ramisch Bluesband nicht davon ab, nach Authentizität zu streben, sowohl im Blues, Boogie, Swamp Rock wie im mitreißenden Zydeco, für den Ludwig Seuss vom Flügel aufs Akkordeon wechselte. Gerade letzteres riss schon ordentlich mit, etwa mit fetzigem „I wanna love you baby“. Aber auch mit schnellem Blues wie „Chicago Bound“ brachte die Würmtaler Band ordentlich Drive ins Spiel.
Will man für eine gute Konzertatmosphäre sorgen, ist dieser Musik-Mix einfach unschlagbar, weil er einerseits gute Laune verbreitet und mit Schwung zumindest innerlich zum Tanz auffordert, andererseits mit seinen vielen Ingredienzien im Grunde jeden Geschmack trifft und zudem zeitlos ist. Robert Ramisch (Gitarre, Gesang), Gerhard Eisen (Bass), Peter Kraus (Schlagzeug), Ludwig Seuss (Klavier) und Gast-Gitarrist präsentierten sich darüber hinaus als vielseitige Musiker, stilistisch auch mit Rock und Jazz verwoben. Zudem changierte die Charakteristik bisweilen in die mitreißende Gangart eines Rhythm and Blues bis hin zu Rockabilly, einer der leichtgängigeren Varianten des Rock'n'Roll.
Sugar Ray & The Bluetones nahm indes eine klarere Linie ins Visier, was nicht zuletzt auf den Einfluss des gefeaterten Gitarristen Little Charlie Baty zurückzuführen war. Das Ergebnis: Ausschließlich auf Blues ausgerichtet, härter im Zugriff und leider auch viel lauter, was immer wieder ein undefinierbares Dröhnen hervorrief. Die bluesrockige Schärfe des Gitarristen Baty führte zudem etwas weg von der rein bluesigen Prägung von Sugar Ray Norcia, der sich mit seiner erdigen Stimme wie mit seinem überaus emotional schleifenden Harp-Spiel an der groovend-schweren Gangart des Chicago Blues im Stil von Muddy Waters orientiert. Dessen unbeirrt blieb der unaufhaltsame Motor von Neil Gouvin am Schlagzeug sowie Michael „Mudcat“ Ward am E-Bass und Kontrabass absolut präzis im rhythmisierten Groove. Beide ließen sich nicht zum Lautstärkeexzess verführen und setzten auf rein musikalische Qualitäten, Ward dabei spieltechnisch gar von einer einzigartigen Eleganz und Lässigkeit.
Aber auch bei Sugar Ray & The Bluetones blieb eine gewisse gestalterische Offenheit bestehen. So wurde es etwa kernig im „Rock my baby“, sogleich beantwortet mit einem schrill-rockigen „Someday, someway“. Mit fetzigen Harp-Soli überzeugte Sugar Ray unentwegt, so etwa in „Blues stop knocking on my door“, zu dem Baty mit der Bonanza-Melodie seinen motivischen Assoziationen freien Lauf ließ.
Die Band kam hier ohne Pianisten angereist und hielt den Platz für ein Gastspiel von Ludwig Seuss bereit, der sich auf dem Höhepunkt des Abends in einer langsameren, groovenden Nummer einbrachte, bevor es in ein fulminantes Finale ging. Seuss musste aber schon ordentlich in die Tasten dreschen, um gegen das Volumen Batys Gitarre anzukommen. Die wenigen leisen Töne des Abends, etwa als in „Bluebird“ Sugar Ray gänzlich aufs Mikrophon verzichtete, führten schon mal in die Ursprünge des Blues und gewährten wohltuende Erholungspausen. Auch die Zugabe im Duett Ray und Baty gehörte in ihrer Rücknahme gewiss zu den besten Stücken des Abends. Das Publikum nahm alles mit Euphorie auf, und so manchen hielt es nicht lange auf seinem Platz.
Reinhard Palmer, 29.11.2018
Galerie 
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2018