Nach(t)kritik

So, 09.02.2020
20.00 Uhr
Vielklang

Couscous à la Véro

Veranstaltung: 
Künstler: 
Lydie Auvray Trio

Wer Annie Proulxs weltberühmten Roman „Das grüne Akkordeon“ gelesen hat, der weiß um die Kulturen und Kontinente überbrückende Kraft dieses Instruments. Es kann ein lebenslanger Wegbegleiter sein, sogar ganze Biografien und Schicksale bestimmen. Die Französin Lydie Auvray hat ein sogenanntes „chromatisches Knopfakkordeon“ als musikalischen Lebensgefährten. Seit sie als Kind von ihrem Vater lernte, auf dem Instrument zu spielen, hat sie nach eigenen Angaben „in 42-jährigem Schaffen 23 CDs eingespielt“, nur eine einzige davon („Pure“) als Solistin. Auch bei ihrem Gastspiel im „Bosco“ war sie nun als „Lydie Auvray Trio“ unterwegs – an ihrer Seite Markus Tiedemann (Akustikgitarre, Bass, Ukulele) und Eckes Malz (E-Piano, Percussion). Zu dritt erweitern sich naturgemäß die Möglichkeiten, das im Zentrum des Geschehens stehende Akkordeon gebührend zu inszenieren – in Lydie Auvrays speziellem Fall wäre allerdings auch ein reiner Solo-Auftritt gut denkbar: „Musetteries“ war der Abend überschrieben, genau wie ihre jüngste, noch nicht offiziell erschienene Einspielung mit 13 Stücken. „Es sind meist keine reinen Musette-Stücke“, erklärt Lydie dem Publikum. So gibt es u.a. einen kreolischen Walzer zu hören, den sie ihrer Zeit auf der Karibik-Insel Martinique verdankt. Auvrays Repertoire erzählt, ein bisschen analog zur Emigranten-Saga der Annie Proulx, im Grunde die Lebensgeschichte der Französin: Kompositionen, die nach „Paris im Frühling“ schmecken. Musette-Walzer, die bestimmte Bilder im frankophilen Kopf erzeugen, aber auch persönlich verarbeitete Enttäuschungen mit verflossenen Partnern, wie Lydie andeutet: „Oublie-le“, vergiss ihn!

Als die eigene Tochter Cannelle flügge wurde und nach Südamerika zog, widmete die im Département Calvados in der Normandie geborene Auvray ihr das Stück „Aller retour“ (Hin und zurück), das neben der interessanten Percussion (Eckes Malz) nicht unbedingt auch noch den Bass-Part benötigt hätte, um zu wirken. Dies soll nicht heißen, dass Markus Tiedemanns Beitrag überflüssig gewesen wäre, doch gab es im Laufe des Abends immer wieder Stücke, bei denen man sich Lydie Auvray instrumentell „pur“ bzw. pure gewünscht hätte – die Öffnung in Richtung „Weltmusik“ glückt nämlich nicht immer: „Cohabitation“ etwa, eine mit afrikanischem Rhythmus unterlegte Nummer, bietet zu Beginn und am Ende ein wenig Getrommel, ansonsten stehen die Elemente Akkordeon (Europa) und Percussion (Afrika) eher fremdelnd nebeneinander und gehen keine geglückte Verbindung ein. Besser klappt die angepeilte Internationalität, wenn Tiedemann zur „Oud“ bzw. „portugiesischen Gitarre“ (Auvray) greift und das „Couscous à la Véro“ intoniert, quasi ein vertontes maghrebinisches Spezialgericht einer guten Freundin.

Das „Bosco“-Publikum schien vor allem dann entzückt, wenn Lydie mit viel mimischer Begleitung das französische Kern-Element der „Musetteries“ inszenierte, um nicht zu sagen, das Klischee bediente: Leidenschaftlich wirft sie dann ihren Kopf mit den blonden Locken hin und her, singt mit Melancholie und Dankbarkeit von ihrem geliebten Papa („Pour toi“), der ihr das Spielen einst beigebracht hatte. Vor allem mit solchen Liedern erzeugt die Französin aus Langrune-sur-Mer höchst innige Momente, die man gerne teilt, den Atem angehalten. Ihre Komposition „Das Meer“ lässt ihrerseits das Meer geradezu ein- und ausatmen: Ein atonales Zusammendrücken des Akkordeons und ein perkussives Rieseln genügen für diese perfekte Illusion. Und wenn ein Tango gespielt wird, gelingen Lydie trotz des schweren weißen Akkordeons sogar noch entsprechende Tanzschritte. Auvray lebt inzwischen in Köln, hat dort viele Freunde, zu denen offenbar auch der große Hannes Wader zählt. Der war als Liedermacher selbst immer eine Art Purist, ließ sich nicht auf den populären Geschmack ein – womöglich eine Anregung für die unbedingt als Virtuosin zu preisende Lydie, die „karibische Normandie-Französin“, die doch nicht zu sehr dem „deutschen“ Geschmack Tribut zollen sollte? Das Publikum war jedenfalls absolut begeistert, der nörgelnde Kritiker aber meint: Da wäre noch mehr von „La France pure“ drin gewesen ...

Thomas Lochte, 10.02.2020
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