Nach(t)kritik

Do, 28.03.2019
20.00 Uhr
Klassik

Die Entdeckung der leisen Töne

Künstler: 
Tanja Tetzlaff, Violoncello & Dina Ugorskaja, Klavier
Als ungestüm, ja ungehobelt stellten ihn Zeitgenossen in seinen jungen Jahren dar. Beethoven selbst tat indes schriftlich kund, dass man ihm Unrecht damit tat. Das Duo Dina Ugorskaja (Klavier) und Tanja Tetzlaff (Violoncello) trat nun offenbar im bosco an, Beethoven zu rehabilitieren. Vor allem mit den beiden Variationsreihen über Themen aus Mozarts Oper „Die Zauberflöte“ stellten die beiden feinsinnigen Klangbildnerinnen einen Beethoven vor, wie man ihn selten zu hören bekommt: leise, zart, empfindsam, filigran, schlank im Ton, sehr rein klingend. So feinziseliert und zurückgenommen auspräzisiert hatten die sonst in der Regel brillant und schwungvoll interpretierten Variationen etwas Narratives an sich. Nicht etwa im legendenhaften Sinne, vielmehr mit einer fesselnden Diktion, als wollten die beiden Musikerinnen etwas Kostbares enthüllen. Jede Wendung oder etwas fahrigere Geste hatte darin schon eine große Ausdruckskraft, suggerierte eine bedeutende Pointe. Zugleich legten Ugorskaja und Tetzlaff großen Wert auf Transparenz, die Pianistin mit wenig Pedal und einem klaren Non-legato, während die Cellistin mit schlankem Ton und wenig Vibrato den Bogen sehr sachte ansetzte. Die Verhaltenheit in Volumen und Substanz war vor allem am Klavier nicht ungefährlich, konnte es durchaus passieren, dass mal ein Ton unterging.
Zudem ist die Homogenität in einer solch schlanken Spielart nicht leicht, ist doch dabei jede noch so kleine Abweichung sofort deutlich herauszuhören. Tetzlaff und Ugorskaja sind aber schon ein eingespieltes Duo, das aufeinander zu hören und jede Bewegung der Partnerin zu interpretieren gelernt hat. Nur so konnte die Präzision in dieser Weise auf die Spitze getrieben, aber auch der dramaturgische Bogen weit gespannt werden. Und absolut nötig war dies in der C-Dur-Sonate op. 102/1, ist sie doch weitgehend eine Fantasie, in der es nicht so sehr um die thematisch-motivische Arbeit geht, als vielmehr um ein fesselndes Dialogisieren. Sobald eine Melodie auftauchte, versanken zudem beide Musikerinnen darin und gaben sich einer leidenschaftlichen Innigkeit hin.
Gerade diese intensive Melodiebildung rückte Prokofjews Sonate op. 119 immer wieder an die Romantik nah heran. Der langsame Kopfsatz tat gut, denn nun war endlich eine satte Substanz gefragt. Vor allem das Cello protzte hier mit dunkler Masse. Aber auch Ugorskaja legte ordentlich bei der plastischen Klangfülle zu. So konnte das groteske Moderato (Mittelsatz) einen wirkungsvollen Kontrast dazu abgeben. Auch der Schlusssatz steigerte die Intensität, obgleich Ugorskaja und Tetzlaff weiterhin überaus transparent blieben. Kraftvolle Steigerungen und virtuose Einlagen wirkten dadurch umso imposanter, eindrucksvoller.
Die Wendung zu Chopin war an dieser Stelle ungewöhnlich. Nach einem kraftvollen, energiegeladenen Prokofjew nun kein polternder Kehraus, sondern der Zauber eines schillernden Streichorchesters und ein in Noblesse getauchter Verführungstanz. Für die Besucherinnen des Warschauer Salons komponiert, sollte „Introduction et Polonaise brillante“ nicht nur den Ohren schmeicheln, sondern auch etwas imponieren. Aber darum ging es Ugorskaja und Tetzlaff nicht, auch wenn sie sich dem Schwung der Polonaise kaum zu erwehren vermochten. Die Feingliedrigkeit Chopins Musik interessierte die Musikerinnen schon eher, andererseits vor allem der weite Atem in den sich immer weiter ziehenden Phrasen. Eine Spezialität des Komponisten, die in der Zugabe mit der typischen Melodik Chopins noch einmal betören sollte.
Reinhard Palmer, 29.03.2019
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2019