Nach(t)kritik

Do, 11.10.2018
20.00 Uhr
Literatur

In die Seelenlandschaft der Bukowina

Künstler: 
Franziska Bronnen
Würde ist das Wort, das einem an diesem Abend immer wieder durch den Kopf geht. Die Würde, die die Schauspielerin Franziska Bronnen ausstrahlt, als sie die Gedichte Czernowitzer Lyriker vorträgt, aber auch die Würde, um nicht zu sagen Erhabenheit dieser Lyrik selbst.
Auch das Publikum in der vollbesetzten Bar Rosso trägt zur Würde des Abends bei – zum Schluss darf Franziska Bronnen sich für die ungeteilte Aufmerksamkeit bedanken, es wurde nicht gehustet, sich nicht geräuspert oder mit den Stühlen gerückt; mucksmäuschenstill lassen die Zuhörer die eindrucksvollen Gedichte auf sich wirken.
Czernowitz, „…wo die Bürgersteige mit Rosen gefegt wurden und die Kutscher Hölderin aufsagten“, wie Bronnen eingangs zitiert, ist eine ehemals multikulturelle Stadt, die in der historischen Landschaft der Bukowina liegt. Nach dem ersten Weltkrieg erlebt die deutsche Kultur in Czernowitz als Teil des rumänischen Königreichs eine Blüte und bringt bedeutende Lyriker deutsch-jüdischen Ursprungs hervor.
Franziska Bronnen eröffnet den Abend mit vier Gedichten aus der Feder Rose Ausländers, die vier verschiedene Lebensstationen der Lyrikerin markieren. Leider nennt sie nicht die Jahreszahlen, in denen die Gedichte entstanden sind, denn gerade die Einordnung – vor, während oder nach dem zweiten Weltkrieg – wären hilfreich für die Interpretation des Gehörten.
Gedichte zu rezitieren ist eine Kunst – und Franziska Bronnen, eine Grand Dame, beherrscht sie meisterlich. Sie trägt die Lyrik nicht vor, sie lebt sie, macht sie lebendig, lässt ihr Publikum teilhaben am Zauber der verlorenen Lebenswelt Czernowitz‘.
Von Rose Ausländer führt der Weg direkt zu Paul Celan, der mit Taufnamen Paul Antschel hieß, das zum rumänischen Ancel wurde und schließlich durch Silbendrehung zu Celan.
Langsam tastet sich Bronnen über zwei Celan-Gedichte an die Zeit der Deportation der Czernowitzer Juden 1940 heran, liest schließlich das Gedicht „Auf den Namen des Vernichtungslagers“ von Alfred Margul-Sperber und anschließend „Ins Leben“ von Rose Ausländer. Die in diesem Gedicht vorkommende Metapher der „schwarzen Milch“ wird später Teil einer großen Plagiatsdiskussion sein, die um Paul Celans „Todesfuge“ entbrennt.
Auch das Gedicht „Heer“ von Emanuel Weißglas, einem Schulfreund Celans, ist Teil der Debatte, auch dieses trägt Franziska Bronnen vor und in der Tat erkennt man viele Motive wieder, die Celan übernommen zu haben scheint.
Aber als Bronnen schließlich im direkten Anschluss die „Todesfuge“ Celans interpretiert, mit Empathie und Trauer, Wut und Faszination für dieses Jahrhundertgedicht, können die Zuhörer an diesem Abend dem Plagiatsvorwurf keinesfalls folgen, stattdessen verneigt man sich mit Bronnen tief vor dem großen Lyriker.
Nach einer Pause geht es weiter mit Dichtern wie Moses Rosenkranz, Alfred Kittner oder Selma Meerbaum-Eisinger, die teils auf deutsch, aber auch auf jiddisch oder hebräisch geschrieben haben.
Fast allen Gedichten des Abends ist eine tiefe Sehnsucht eingeschrieben, eine Sehnsucht nach der Bukowina. Viel ist die Rede von Bäumen – der deutsche Name dieser Moldauregion ist Buchenland – und der Landschaft, besonders eindrücklich in den drei Gedichten der Lyrikerin Selma Meerbaum-Eisinger, die achtzehnjährig im Lager in Transnistrien starb.
Schönheit und Trauer, Gemeinschaft und Verfolgung, Heimat und Heimatlosigkeit – große Themen in der verknappter Gedichtform eindrücklich vorgetragen – ein würdevoller Abend.
Am 7. Februar 2019 wird es einen weiteren Teil mit Werken aus Czernowitz geben.
Tanja Weber, 11.10.2018
Galerie 
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2018