Nach(t)kritik

Mi, 12.02.2020
20.00 Uhr
Literatur

Die Stille zwischen den Jahren

Künstler: 
Gerd Holzheimer "Die Liebe höret nimmer auf" (3)

Am Ende bleibt der Klang der Stille. Mit „The Sound of Silence“ ließen Gerd Holzheimer und Hans-Jürgen Stockerl die Geschichten von der „fortgeschrittenen Liebe“ - so der Titel des dritten Abends in der Reihe „Die Liebe höret nimmer auf“ - ausklingen, nachdem sie zuvor die Literatur zu Beispielen für Liebe im Alter befragt hatten.

Und derer gibt es zahlreiche: so wünschten schon bei Ovid die beiden Greise Philemon und Baucis sich, niemals den Grabhügel des jeweils anderen sehen zu müssen, sondern in Liebe vereint bis zum Ende beisammen sein zu dürfen. Homer lässt den stark gealterten Odysseus bei der Rückkehr zu Penelope nach all den Jahren beim Anblick des verstellten Bettes eifersüchtig werden wie einen Jungen. Und Johann Peter Hebel beschert der Verlobten eines vor der Hochzeit Verunglückten nach fünf Jahrzehnten ein „Unverhofftes Wiedersehen“. Sind auch die Umstände und die Reaktionen verschieden, so scheint eines diesen Varianten alter Liebe doch gemeinsam zu sein: eine gewisse tragische Tiefe.

Das liegt vermutlich am Faktor Zeit. Im Mittelpunkt des Abends stand eine Erzählung von Adalbert Stifter, „Der Waldgänger“. Stockerl liest die für den Abend eingekürzte Geschichte  um den einen großen Irrtum eines einst glücklichen Paares mit so großer Empathie, dass ihm am Ende selbst die Stimme ein wenig bricht. Gern folgt man Stockerl in die Tiefe dieser Geschichte, sieht mit ihm diesem Waldgänger zu, der als alter Mann lieber den Bäumen beim Wachsen zusieht, als bei den Menschen zu bleiben; hat er doch einst die große Liebe erfahren und dem aus reiner Vernunft entstandenen Vorschlag seiner Frau zugestimmt, man möge aufgrund der jahrelangen Kinderlosigkeit einander freigeben für neue, fruchtbarere Verbindungen, nur um bei einem späten Wiedersehen die Tragweite dieses Irrtums zu begreifen: sie hatten beide ihre Liebe unterschätzt.

Aber auch, wenn einem Paar sowohl die lebenslange Liebe als auch ein Kindersegen beschert sind, so entkommen sie am Ende der Tragik nicht, schon allein aus biologischen Gründen. Wie es ist, wenn einer von beiden den anderen überlebt, davon erzählt „Wir waren eine gute Erfindung“ des jungen französischen Erzählers Joachim Schnerf. Mit wunderbarem Humor lässt er den alten Salomon sich am ersten Sederabend nach dem Tod seiner Frau Sarah an die gemeinsamen Jahre erinnern, daran, wie sie den bösen Humor ihres Mannes, der Auschwitz überlebt hat, nicht nur er-, sondern auch getragen hat. „Wir waren eine gute Erfindung“ war vielleicht die Entdeckung dieses Abends in der bar rosso.

Ob nun die fortgeschrittene Liebe als letztlich unerfüllte erzählt wird wie bei Stifter und Hebel, ob sie zum Schatzkästchen der Erinnerung geworden ist wie bei Schnerf, oder ob sie zum täglichen Kleinkrieg gerät wie in Tucholskys herrlicher Erzählung „Ein Ehepaar erzählt einen Witz“ - eines unterscheidet sie, neben der oft tragischen Tiefe, von der jungen Liebe: der Reichtum des zu Erzählenden. Sie füllt eben ein ganzes Buch. Ein Poesiealbum reicht hier nicht mehr aus. Und am Ende bleibt der Klang der Stille.

Sabine Zaplin, 13.02.2020
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