Nach(t)kritik

Mi, 13.11.2019
20.00 Uhr
Klassik

Fesselnde Beredsamkeit

Künstler: 
Trio Kam-Porat
Vor ziemlich genau acht Jahren war Sharon Kam zum ersten Mal im bosco zu hören. Damals mit dem American String Quartet und dem Klarinettenquintett von Mozart. Sie hinterließ damals zweifelsohne einen bleibenden Eindruck, nicht zuletzt auch dank ihrer vitalen Bühnenpräsenz und intensiven Hingabe. Die physischen Bewegungen sind geradezu ein Bestandteil ihrer Spieltechnik, die sich dadurch auch besonders beredsam und überzeugend auf den Ausdruck fokussiert. Ihre beiden Mitspieler erwiesen sich als eher introvertiert, jedenfalls zurückhaltend in ihrem körperlich-gestischen Ausdruck. Im März dieses Jahres gastierte Ori Kam, der Bruder der Klarinettistin, ebenfalls im bosco, als Bratscher des international renommierten Jerusalem Quartet mit Streichquartetten von Beethoven und Bartók. Auch dieses Konzert prägte sich nachhaltig ein. Kein Wunder also, dass nun die Karten schon im Vorfeld vergriffen waren.
Neu im bosco war der Pianist und Komponist Matan Porat, der sich mit einem eigenen Arrangement von Debussys Orchesterwerk „Prélude à l’apprès midi d’un Faune“ auch solistisch vorstellte. Eine knifflige Angelegenheit, galt es doch, nicht nur das brillant-virtuose Wogen zu bewältigen, sondern auch die Vielschichtigkeit und den Farbenreichtum des symphonischen Werkes transparent wiederzugeben. Porat dirigierte sein Zehnfingerorchester mit einem großartigen Gespür dafür, den großen Bogen und Detailpräzision in einer überzeugenden Balance zu halten. Das Schlüsselwerk des Impressionismus erklang dabei kein wenig nebulös oder verschwommen. Porat verstand es, die Atmosphäre der dichterischen Vorlage mit rein pianistischen Mitteln erstehen zu lassen.
Die Klarheit der Formensprache war auch im Trio das oberste Gebot, was eine absolute Homogenität erforderte. Aber schon in Mozarts Kegelstatt-Trio fiel die mühelose Kommunikation auf. Die Plastizität der Gestaltung hätte nicht opulenter ausfallen können. Die drei Musiker gingen zudem überaus lustvoll, spielfreudig, aber auch ruhig und ohne zu forcieren an die Materie heran. Diese spieltechnische Unbeschwertheit sollte sich im weiteren Programm allmählich zugunsten suggestiver und bildhafter Schwerpunkte verlagern. Das Repertoire des Trios war wohl auch unter diesem Aspekt zusammengestellt worden, zumal Klarinette und Viola ohnehin eine deutlich sprechende Charakteristik – klanglich nahe der menschlichen Stimme – immanent ist.
Schumanns „Märchenerzählungen“ führen den narrativen Aspekt nicht nur im Titel. Die vier Sätze spiegeln zwar die sich schon deutlich manifestierende geistige Verwirrtheit des Komponisten, so etwa in bis dahin bei Schumann nicht gekannten schroffen Brüchen und widerborstigen Einwürfen, boten aber den Kam-Geschwistern und Porat viel Stoff für eine fesselnde Erzählung, von legendenhafter Rhapsodik über polterndes Rezitieren bis hin zum bildhaft-expressiven Artikulieren sich nahezu überschlagender Ereignisse. Anders als bei Schumann, dessen Hintergrundgeschichten nicht bekannt sind, ließen sich diese bei Brahms in den vertonten Texten nachlesen. Aber es war nicht nötig, um die Stimmungen in den „Zwei Gesängen“ op. 91 nachvollziehen zu können. Das dramatisch unterbrochene Sinnieren in „Gestillte Sehnsucht“ wie das lieblich-melodiöse „Geistliche Wiegenlied“ gaben den Interpreten die Möglichkeit, schönmalerisch in den zartesten Nuancen zu schillern und selentief zu berühren. Die sanften, ja geradezu zärtlichen Klarinette-Viola-Duette bestachen mit Wärme über einem geschmeidigen Tastenzauber.
Die Debussy-Einlage war dann schon unbedingt nötig, um zum großen Bartók-Finale zu kommen. In „Kontraste“ wurde in der Interpretation des Kam-Kam-Porat-Trios das narrative Schumann-Konzept erkennbar. Ein packender Trialog trug hier die Konstruktion, die immer wieder von folkloristischer Verve unterbrochen wurde oder auch solistische Gedankengänge geduldig zuließ. Mit höchster Präzision und agiler Zunge formulierten die drei Mitredner voller Spannung ihre ausdrucksstarken Gesprächsbeiträge. Fielen sich aber auch schon mal ins Wort, sprachen Unisono mit oder warfen scharfzüngige Kommentare ein. Ein packendes Finale, das eigentlich zu stark für eine Zugabe war. Der lässig swingende Slowfox des israelischen Pianisten und Komponisten Ilan Rechtman war wohl die einzige Möglichkeit, sich für den lang anhaltenden frenetischen Applaus mit einer Zugabe zu bedanken
Reinhard Palmer, 14.11.2019
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