Nach(t)kritik

Fr, 29.11.2019
19.30 Uhr
Musik

Fulminante Bluesnacht mit Stargästen

Künstler: 
4. Gautinger Bluesnacht
Kein Zweifel: Bei der Bombenstimmung wäre Erik Trauner liebend gern dabei gewesen. Mit einem ernsthaften Augenleiden war aber ein Auftritt ausgeschlossen. So beschränkte sich seine Anwesenheit auf eine Sprachnachricht vom Smartphone. Aber was macht eine Formation wie die Wiener Mojo Blues Band in der 4. Gautinger Bluesnacht ohne Frontmann? Sie legt sich mächtig ins Zeug. Vor allem Sänger und Gitarrist Siggi Fassl ackerte eben für zwei, nahm aber diese Aufgabe mit Lust und Spielfreude an. Rhythmus und Groove spielen beim Blues, Rock’n’roll, Rockabilly, Rhythm and Blues, Boogie oder Zydeco schon eine tragende Rolle, sind aber in dem Genre nicht gerade ein Weg der Selbstverwirklichung, zumal ja das Bluesschema klar abgesteckt ist. Insofern gab Trauners Ausfall Fassl die Möglichkeit, sich mal in der Formation richtig auszutoben, was er sich auch nicht entgehen ließ. Dass er alles – ausgenommen die Blues Harp – bis hin zu den Texten aus dem Effeff beherrschte, war natürlich kein Zufall, ist er doch bei der Formation Hooked on Blues selbst Frontmann, woher wohl auch die Vorliebe für den Chicago Blues herstammen dürfte.
Im ausverkauften bosco musste Fassl aber auch nicht alleine die Lücke schließen, konnte er sich doch auf eine gut zuarbeitende Mannschaft verlassen. Während Herfried Knapp am Kontrabass sowie Didi Mettersberger am Schlagzeug mit absolut zuverlässigem Puls den Motor gaben, stand ihm Piano-Man Charlie Furthner mit Tastenakrobatik vom Feinsten zur Seite. Gerade wenn sich beide in fesselnden Dialogen ergingen und sich gegenseitig zu packender Virtuosität anspornten, stieg auch die Euphorie im Publikum.
Aber da war bei den Zuhörern offenbar noch viel Luft nach oben, denn mit Ludwig Seuss – Gesang, Piano und Akkordeon – als Gast auf der Bühne legte die Temperatur im Saal gleich um mehrere Grade zu. Mit der packend schweren Zydeco-Nummer „I’m coming home“ von Clifton Chenier mit Seuss am Piano, dann am Akkordeon in Chuck Berrys Rock’n’Roll „Promised Land“ kam füllige Klangsubstanz ins Spiel.
Die Abwechslung im Repertoire war schon eine Qualität für sich, die unentwegt für neue Facetten sorgte. Immer wieder auch Bluesballaden der schwereren Gangart, wie etwa der ausdrucksstarke und leidvolle Blues „Five long Years“ von Eddie Boyd. Eine klangliche Erfrischung brachte Fassl mit seinem „Blumentisch“, der Pedal steel Guitar, die mit Bottleneck gespielt Jauchzer, Heuler und Schleiftöne in den „Brain Cloudy Blues“ des Country-Musikers Merle Haggard hinein brachte.
Nichts desto trotz: Mit dem Auftritt der schwarzen Sängerin Gisele Jackson geriet alles etwas in den Schatten. Dass sie als Backing vocalist mit Ray Charles, Donna Summer und James Brown unterwegs war, schraubte schon die Erwartungen hoch. Sie erfüllte sie aber spielend leicht, nicht nur stimmlich als Soul- und Blues-Röhre, sondern auch von der Bühnenpräsenz her. Mit ihrer tänzerischen Körpersprache, Mimik und Gestik bekam die Musik eine zusätzliche Dimension, die sie zugleich intensivierte. Mit dem Gospel „God spoke to me“ brachte sie eine überwältigende Inbrunst auf die Bühne. In „Should I ever love again“ bewies sie zudem kecken Humor. Noch einmal eine Steigerung in den Zugaben zu schaffen, war dann doch möglich: Seuss stieß mit dem Akkordeon dazu. Das Finale hätte nicht fulminanter sein können.
Reinhard Palmer, 30.11.2019
Galerie 
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