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Nach(t)kritik

Di, 27.10.2020
20.00 Uhr

Illusionslose Romantik

Veranstaltung: Tom-Waits-Zyklus: Metropoltheater München "Im Auftrag des Herrn" - Lieder von Tom Waits

Manche Liederabende berühren einen deshalb, weil die auftretenden Künstler gerade nicht nach harmonischer Vollkommenheit streben, sondern Momente der subjektiven Wahrheit erschaffen und diese mit den Zuhörern teilen. So von der ersten Note an geschehen beim Auftritt von Thomas Schrimm (Gesang, Akustikgitarre) und Johannes Mittl (Klavier, Akkordeon, Melodica, Backing vocals) im Bosco: „Im Auftrag des Herrn“ war der gut 70-minütige Songzyklus überschrieben, mit dem sich die beiden vor dem großen US-amerikanischen Sänger, Komponisten und Autor Tom Waits verneigten, den die meisten hierzulande durch seine Mitwirkung in Jim Jarmuschs „Down By Law“ kennen.

Die unverwechselbare Reibeisenstimme von Waits und ihre vitale Trostlosigkeit nachzuempfinden, auf solch unerschrockene Mission hat sich nun der Schauspieler Thomas Schrimm begeben – und er macht das einfach großartig: Vor dem Mikrofon zuweilen leicht schwankend wie der späte Joe Cocker, gibt er den rau polternden Liedern ebenso eine Körperlichkeit wie den verzweifelt-zarten Liebesbekenntnissen, die Waits in mittlerweile fünf Jahrzehnten zu Songs geformt hat. Der Musikkritiker Daniel Durchholz hat einmal über die spezielle Art des so mürrisch wirkenden Waits´schen Vortrages geschrieben: „Seine Stimme klingt, als wäre sie in einem Fass Bourbon getränkt, einige Monate in eine Räucherkammer gehängt, dann nach draußen gebracht und mehrmals mit dem Auto überfahren worden.“ Angeblich hat Waits als Kind mal eine Schere verschluckt – nun ja, Waits ist auch Anekdotensammler. So etwas gesanglich hinkriegen zu wollen und jener schicksalhaften Geworfenheit quasi „im Auftrag des Herrn Waits“ Ausdruck zu verleihen, dazu gehört Persönlichkeit bzw. schauspielerisches Einfühlungsvermögen – bei Schrimm ist es wohl auch einfach Seelenverwandtschaft: „Mein persönliches Initiationserlebnis“ sei der Jarmusch-Film seinerzeit gewesen, verrät er zwischen zwei Songs. In „Down By Law“ gaben die Waits-Songs der bedrückenden Trostlosigkeit der Südstaaten etwas Greifbares.

Der Liederzyklus, den das Münchner Metropoltheater eigentlich als Begleitprogramm zu einer auch im Bosco geplanten Trilogie vorgesehen hatte, fächert natürlich noch weit mehr auf als die Ende der achtziger Jahre entstandenen Songs: Der 1949 in Pomona, Kalifornien, geborene Waits, konnte in seinen frühen Jahren einem „Coney Island Baby“ genauso schön nachtrauern bzw. hinterhergrummeln, wie er ab  Anfang der Neunziger seine schauspielerische und kompositorische Zusammenarbeit mit dem Theatermann Robert Wilson für „Alice“ (1992) und „Woyzeck“ (2000) zu ganzen literaturbasierten Themen-Zyklen ausbaute und Songs wie „Dreamland“ schrieb. Das Duo Schrimm/ Mittl vergaß beim Gastspiel im Bosco auch nicht Waits'   „irische“ Phase, als ihm die berühmte Hommage „In The Neighborhood“ gelang, die die Sehnsucht nach einem festen Ort im Leben, und sei er noch so trivial, zum Ausdruck bringt.

Auch mit den Projektionen seiner Zuhörerschaft hat sich der heute 71-jährige Tom Waits einmal beschäftigt und festgestellt, dass viele von ihm grundsätzlich „Heruntergekommensein“ erwarten würden – da fühlte er sich gründlich missverstanden, ein Klischee mochte er nicht bedienen. Wer aber in „Come On Up To The House“ davon singt, dass die Welt kein Zuhause ist und der Mensch nur auf der Durchreise, der zertrümmert eben erst die Illusionen, ehe er sich dem so zarten Pflänzchen Hoffnung zuwendet wie ein Rosenzüchter: „And if we are to die tonight / A new rose will bloom / I remember the showers / But no one gets flowers /  On this flowered grave…“
Waits hat sich wie ein Grenzgänger viel mit dem Tod beschäftigt, und doch sei „der Mond das meist besungene Gestirn an diesem Abend“, wie Thomas Schrimm anmerkt. Illusionslose Romantik könnte man das Waits-Schaffen überschreiben – die beiden Musiker, die ihm im Bosco ihre Verehrung kredenzen, folgen diesen Pfaden auf wundervoll trittsichere Weise. Es ist streckenweise sogar ergreifend, wie sie in diesen dunkler werdenden Zeichen ein Feuer entfachen – fast ein wenig zu schnell schreitet der Abend voran, der auch zum Innehalten eingeladen hätte. Und sie werden vom tobenden, trampelnden Publikum noch um zwei Zugaben gebeten: Thomas Schrimm singt dabei noch mal die Zeile vom Beginn des Abends, die vielleicht am besten ausdrückt, wer Tom Waits ist und sein will: „And my favourite colour is red.“

Thomas Lochte, 28.10.2020


Direkt nach der Veranstaltung schreiben professionelle Kulturjournalist*innen eine unabhängige Kritik zu jeder Veranstaltung des Theaterforums. Diese Kritik enthält dabei ausschließlich die Meinung der Autor*innen.