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Nach(t)kritik

Mi, 18.01.2023
20.00 Uhr

Im Kleinsten schon das ganze Große

Veranstaltung: "Retten, was noch zu retten ist?": Aus dem Bayerischen Walde - Adalbert Stifter und Martin Waldbauer

Eine Begegnung auf Augenhöhe, im wahrsten Sinn des Wortes, war der Abend mit einer Erzählung von Adalbert Stifter inmitten der Ausstellung „Spuren der Zeit“ mit Fotos von Martin Waldbauer. Denn während Schauspieler Peter Weiß und Schriftsteller Gerd Holzheimer sich mit Stifters letzter Erzählung, „Aus dem Bayerischen Walde“, beschäftigten, schien es, als blickten die Portraitierten, alles Menschen aus dem Bayerisch-Böhmischen Wald, mal zustimmend, mal skeptisch, immer aber aufmerksam teilnehmend, auf Akteure und Publikum und vor allem tief hinein in die Geschichte von Stifter.

„Es möge mir erlaubt sein, ein Ereignis aus meinem Leben zu erzählen,“ beginnt die Erzählung. Dieses Ereignis ist ein Naturspektakel, das in unserer vom Klimawandel schon deutlich gezeichneten Gegenwart durchaus vorkommt, zuletzt in Nordamerika: ein unerwartet heftiger, zerstörerischer Schneesturm. Dieser sich langsam aufbauenden, dann ebenso unerbittlich wie kraftvoll und vor allem unaufhaltsam geschehenden Katastrophe entspricht die Stiftersche Dramaturgie mit einer Konsequenz, die in dieser Form tatsächlich erst in der Moderne zu finden ist. Einem Bewusstseins-Strom gleich, lässt der Erzähler sein Lesepublikum unmittelbar teilhaben an jenem Ereignis, lässt es direkt miterleben, wie der Ich-Erzähler einen Besuch bei der in Linz weilenden erkrankten Frau plant und vorbereitet, wie ihn kurz vor der Abfahrt der Sturm überrascht und wie er schließlich, dem Wetterphänomen zum Trotz, sich dennoch auf den Weg macht und dabei immer wieder an seine Grenzen kommt.

Mit gutem Gespür für Tempo und Dramatik nimmt Peter Weiß das Bosco-Publikum mit auf diese Reise, mitten hinein in den Schneesturm. Mit sichtlichem Vergnügen taucht er ein in Stifters Sprache und offenbart deren große Stärke, mit Worten zu malen. Stifter sei nie sein Herzensdichter gewesen, bekennt Gerd Holzheimer, der die Erzählung als eine literarische Antwort auf Waldbauers Portraitfotos ausgewählt hat, „aber mit keinem anderen habe ich mich so lange und vor allem immer wieder beschäftigt.“ So erinnert er sich, als Schüler mit der Erzählung „Der Waldsteig“ eher von diesem Dichter abgeschreckt worden zu sein - „absolut tödlich, man hält´s nicht aus.“ Dennoch habe er, einige Jahre später, als er mit ehemaligen.Klassenkameraden eine Wanderung von Linz aus unternommen hat, nachts im Schein der Taschenlampe aus eben diesem „Waldsteig“ vorgelesen, Cliffhanger inklusive. Und im Laufe seines Literatenlebens habe er immer wieder zu Texten von Adalbert Stifter gegriffen, darin gelesen und Überraschendes entdeckt. Dessen Anliegen, im Kleinsten zugleich immer schon das Größte zu erkennen, hat ihn diesen immer wieder neu bewundern lassen.

Einen Eindruck davon, wie der Schriftsteller Adalbert Stifter dies gestaltet, konnte in der bar rosso gewonnen werden - inmitten der Gesichter, deren Geschichten die Portraitfotos von Martin Waldbauer offenbaren: gerade in dem, was sich nur beiläufig und eher unbemerkt vermittelt, verbirgt sich das Große, das unwerwartete Ereignis. Wie einfach scheint eine Reise durch den Bayerischen Wald. Und wie unerwartet mächtig ist die Gewalt der Natur, dass sie imstande ist, diese zu verhindern und Pläne zunichte zu machen. Eine ganz kleine Ahnung stellte sich beim Verlassen des bosco ein, als sachte und nur im Gegenlicht erkennbar erste zarte Schneeflocken herabrieselten…

Sabine Zaplin, 19.01.2023


Direkt nach der Veranstaltung schreiben professionelle Kulturjournalist*innen eine unabhängige Kritik zu jeder Veranstaltung des Theaterforums. Diese Kritik enthält dabei ausschließlich die Meinung der Autor*innen.
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Mi, 18.01.2023 | © Werner Gruban - Theaterforum Gauting e.V.