Nach(t)kritik

Mi, 22.02.2017
20.00 Uhr
Literatur

Im Mittelpunkt der Mensch

Künstler: 
Gerd Holzheimer

„Mein Buch bin ich“, schreibt Michel de Montaigne im Vorwort zu seinen berühmten „Essais“ - auf jeder Seite, in jeder Zeile nimmt dieses Ich Platz, das ganze Buch ist erfüllt davon. Es ist das Jahr 1580. Die Reformation hat längst stattgefunden, Shakespeare hat seine Sonette geschrieben und natürlich seine großen Dramen und Cervantes den „Don Quijote“, Galilei hat das Weltbild verändert, Leonardo und Raffael haben das Gleiche mit der Kunst getan. Das Ich ist ins Zentrum der Betrachtung gerückt, mehr noch: es gibt auf einmal die Perspektive vor. Der Homo novus erscheint auf der Bildfläche und mit ihm ein verändertes Bewusstsein.

Der vierte Teil der von Gerd Holzheimer konzipierten und präsentierten Reihe „Wie hätten wir´s denn gern?“ ist der Renaissance gewidmet - nach dem antiken Athen, dem alten Rom und den Gottesstaaten steht nun die frühe Neuzeit im Fokus, jene Zeit, welche die Antike wieder entdeckt aus einer veränderten, individuellen Perspektive. „Das Wissen um die Antike war hier bei uns während des Mittelalters vollkommen verschwunden“, sagt Gerd Holzheimer und verweist darauf, dass der vermutliche „Gautinger Mitbürger“ Karl der Große („Den bringe ich jetzt in jedem Teil dieser Reihe“) zu dieser Zeit nicht einmal seinen Namen zu schreiben vermochte, während das Wissen um die Schriften und Errungenschaften der Antike vor allem durch arabische Schriftgelehrte bewahrt blieb.

Ein junger italienischer Humanist und Philosoph, Giovanni Pico de Mirandola, hatte bereits im Alter von 23 Jahren die Idee, alle Gelehrten der Welt zu einer gemeinsamen Konferenz einzuladen und auf dieser den Islam und das Christentum miteinander zu versöhnen. Leider kam es nicht dazu, doch die Rede, die Mirandela zur Konferenz-Eröffnung halten wollte, ist noch vorhanden und unter dem Titel „Über die Würde des Menschen“ in die Geschichte eingegangen. Darin sieht der junge Graf den Menschen inmitten einer gottgegebenen Freiheit, ohne „festen Sitz“, wo er sich selbst nach seinem eigenen Willen erst schaffen darf. 

Eben das geschieht in der Bildenden Kunst, die in dieser Zeit die Zentralperspektive entdeckt, die einen auf mathematischen Berechnungen begründeten eindeutigen, aber individuellen Standpunkt einnimmt. Es geschieht in der Literatur, die zum ersten Mal von individuellen Befindlichkeiten spricht, wie im „Decamerone“ des Boccaccio. Und es geschieht in der Musik, die nicht mehr nur den Schöpfer und sein Werk preist, sondern den Menschen selber feiert, wie im Werk des Orlando di Lasso. Erstmals ist in der Holzheimerschen Literaturreihe umfangreich Musik zu hören, immer wieder erklingen Kompositionen von Orlando di Lasso. Die zahlreichen Texte, von Montaigne über Boccaccio bis hin zu Machiavelli und Briefen von Orlando di Lasso liest mit viel Sinn für feinen Humor Fesche Piening.

Wie hätten wir´s denn gern? Der Titel der Reihe trifft kaum eine Epoche so gut wie eben die Renaissance. Denn seitdem ist das Individuum in der Welt, ist das Ich perspektivenbestimmend. Wenn man es genau nimmt, beginnt bereits hier der Pluralismus, die Vielfältigkeit der Lebensentwürfe und der Geisteshaltungen. Und es beginnt der Egoismus, der so vieler Übel Wurzel ist. Und dennoch: eine Gesellschaft der Vielen, der Individuen, ist vielleicht doch auch weniger anfällig für Unterwürfigkeit und Totalitarismus. Hätten wir´s nicht lieber so?

Sabine Zaplin, 22.02.2017
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2017



Direkt nach der Veranstaltung schreiben professionelle Kulturjournalist*innen eine unabhängige Kritik zu jeder Veranstaltung des Theaterforums. Diese Kritik enthält dabei ausschließlich die Meinung der Autor*innen.