Nach(t)kritik

Di, 11.02.2020
20.00 Uhr
Klassik

Italienische Vitalität

Künstler: 
Sestetto Stradivari
Ein klassisches Streichsextett ist unter den Streichensembles schon von der Besetzung her ein besonderer Klangkörper: Vier vollmundig-dunkle Instrumente (zwei Bratschen und zwei Celli) stehen hier nur zwei hellen Violinen gegenüber. Ein Verhältnis, das von vorne herein eine besondere Wärme und einen rundkörperlichen Klang anzubieten hat. Im Fall vom Sestetto Stradivari trifft das insofern nicht ganz so ausgeprägt zu, weil die Stradivari-Instrumente mit ihrem brillanten Klang reichlich Silber in den Stimmenmix einbringen. Zudem lag es vielleicht auch an der Mentalität der Italiener, die es nicht so mit der deutsch-österreichischen Patina in der Musik haben, dass hier alles frischer und strahlender erklang.
Deutlich fiel es bei Brahms auf, dessen Streichsextett G-Dur op. 36 nicht den introvertierten Eigenbrötler als Schöpfer verriet. Vielmehr kam das Werk recht konzertant daher, bisweilen aufbrausend, jedenfalls expressiver als man es zu hören gewohnt ist. Eine Wucht war inmitten des verhaltenen Scherzos das tänzerisch wirbelnde Trio. Aber es steht ja auch „Presto giocoso“ darüber, was die sechs Orchestermusiker der Orchestra dell’ Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom wörtlich nahmen und entfesselt davonwirbelten. Aber auch sonst hatten sie allesamt viel Spaß an dem Werk, das sie mit großer Musizierlust zum Leben erweckten. So schwungvoll und vital bekommt man dieses zweite Streichsextett von Brahms selten zu hören, auch wenn das Adagio durchaus seine nostalgische Wärme entfalten durfte.
Ein ganz anderes Thema hatten sich die Musiker in der ersten Konzerthälfte vorgenommen, auch wenn Bezüge zu Brahms zweifelsohne bestehen, lernte doch Richard Strauss in Meiningen sogar Brahms noch persönlich kennen. Nach eigenen Angaben hatte Arnold Schönberg indes das meiste im Eigenstudium gelernt, u.a. beim Studium der brahmsschen Werke. Tatsächlich fehlte es in der Musik nicht an Bezügen. Allerdings ging es hier um eine gänzlich andere Atmosphäre. Zwar behandelten beide Stücke das Thema Liebe, doch auf sehr verschiedene Weise. Strauss vergaß in seiner Oper „Capriccio“ von 1940/41 schlichtweg, dass draußen ein verheerender Krieg tobte und komponierte eine vergnügliche Musik, in der eine verschlüsselte Liebesbotschaft enthalten ist. Eine Koketterie mit einem Fünfton-Motiv, das sich harmonisch raffiniert durch das ganze Stück hindurch windet, verflechtet und immer wieder auch in den Vordergrund drängt. Aber Strauss war auch ein Meister weiter Spannungsbögen und entrückter, melodischer Höhenflüge. Das feierlich getragene Dahinfließen ist bisweilen etwas hochtrabend, dennoch macht es die Musik von Richard Strauss im Grunde aus. Die italienischen Musiker verzichteten aber weitgehend auf die großen Gesten und folgten vielmehr der erzählerischen Diktion, allerdings mit einer überaus schlüssigen Dramaturgie.
Dieser Zugriff brachte das Werk in einen engeren Kontext zu Schönbergs „Verklärte Nacht“ nach dem gleichnamigen Gedicht von Richard Dehmel, auch wenn das Narrative vom Komponisten gar nicht beabsichtigt war. „Meine Komposition unterschied sich vielleicht etwas von anderen illustrativen Kompositionen erstens, indem sie nicht für Orchester, sondern für Kammerbesetzung ist, und zweitens, weil sie nicht irgendeine Handlung oder ein Drama schildert, sondern sich darauf beschränkt, die Natur zu zeichnen und menschliche Gefühle auszudrücken“, schrieb Schönberg später dazu. Davon fehlte es in der Interpretation des ausgesprochen emotional musizierenden Sestetto Stradivari keinesfalls. Das Geheimnisvolle der Musik offenbarte sich in schillernder Weise und entwickelte seine Magie. Ein Mysterium war es indes nicht. Die Klangatmosphäre konnte sich nicht ganz zur absoluten Musik durchringen, ging vielmehr den orchestralen Weg kontrastreicher Wirkungen. Im dritten Satz des Streichsextetts d-Moll „Souvenir de Florence“ op. 70 von Tschaikowsky in der Zugabe hatte es indes seine Berechtigung, was immer wieder dazu animiert, das Werk für ein Streichorchester zu arrangieren. Dem Publikum gefiel das, wenn auch nicht ohne Ausnahmen.
Reinhard Palmer, 12.02.2020

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