Nach(t)kritik

Do, 30.01.2020
20.00 Uhr
Literatur
Musik

Kuckuckskinder und Überseekisten

Künstler: 
August Zirner & Sven Faller

Alle wirklich guten Geschichten nehmen ihren Anfang in einer außergewöhnlichen Begegnung. Eine Begegnung wie die der jungen Kaufmannstochter Ella Zwieback aus Wien mit dem Komponisten Franz Schmidt. Wie alle „besseren Töchter“ erhält die künftige Erbin des bekannten Wiener Kaufhauses Maison Zwieback Klavierunterricht, und natürlich verliebt sie sich in diesen jungen Pianisten, doch den Eltern erscheint die Verbindung nicht standesgemäß. „Der Name Schmidt bildete regelrecht ein Decrescendo zum Namen Zwieback“, erzählt der Schauspieler August Zirner. Erzählt weiter, dass die Eltern für Ella stattdessen den Kommerzienrat Zirner zum Gatten wählten. Doch Ella Zirner-Zwieback gab das Klavierspiel auch nach der Heirat nicht auf, spielte sogar vierhändig mit Franz Schmidt. „Sie spielten so intensiv vierhändig Klavier, dass ein Kind daraus entstand“, erzählt August Zirner. Die Geschichte seiner Großmutter und ihrer schicksalhaften Begegnung mit dem Komponisten Schmidt nimmt ihren Fortgang in Amerika, wohin sie mit dem „Kuckuckskind“, das den Namen des Kommerzienrates trägt, auf der Flucht vor den Nazis gerät. Sie wird zu einer „Transatlantischen Geschichte“, in der neben dem großen Teich vor allem die Musik eine große Rolle spielt.

Diese spielt auch in der transatlantischen Geschichte von Gerd Lacoeur eine Rolle. Dieser war in München mit einer jungen Studentin verlobt und musste ebenfalls vor den Nazis fliehen. „In spätestens zwei Jahren ist der Spuk vorüber und ich bin wieder zurück“, versprach er seiner Verlobten und machte sich auf den Weg nach Kalifornien. Leider dauerte der Spuk sehr viel länger, man verlor sich aus dem Augen, Lacoeur fand in Amerika eine andere Frau und vor allem eine ganz andere Musik als die, die er kannte. Drei Jahrzehnte später war die amerikanische Frau gestorben und die Jazzplattensammlung Lacoeurs auf einen Umfang angewachsen, der in mehreren großen Überseekisten Platz fand. Mit diesen reiste er über den Atlantik zurück zu seiner einstigen Verlobten und löste endlich sein Eheversprechen ein. „Mein Großvater brachte den Jazz in meine oberbayerische Kindheit“, erzählt der Musiker Sven Faller. Erzählt weiter, wie ihn diese Musik über den Atlantik nach New York trieb, wo er genau jenen Blues fand, den der junge Amerikaner August auf der Flucht vor dem Vietnamkrieg mit nach Wien nimmt, wo er die Schauspielausbildung absolviert.

Auf dem Kontrabass und der Querflöte werden die transatlantischen Geschichten von August Zirner und Sven Faller hörbar, spürbar. Werke von Duke Ellington, Miles Davis oder George Gershwin erzählen in der ganz besonderen Interpretation dieser beiden Musikphantasten, Geschichtenspieler von besonderen Begegnungen und deren weltumspannenden Folgen. Eine solche Begegnungsgeschichte steht am Anfang dieses ungemein berührenden, großartigen Programms der beiden Ausnahmekünstler: es war bei Dreharbeiten zu einem Film, in dem der Jazz eine gewisse Rolle spielte und beide beteiligt waren. In einer der oft langen Pausen griff Zirner zur Flöte und improvisierte ein wenig zum Zeitvertreib. Sven Faller hörte das und antwortete mit dem Kontrabass. Die beiden gewannen so viel Gefallen an diesem Dialog, dass sie ihn an anderer Stelle fortsetzten und einander auf diese Weise Geschichten erzählten - „Transatlantische Geschichten“. Etwas Besseres als diese hat man lange nicht mehr zwischen den beiden historisch so verflochtenen Kontinenten gehört.

Sabine Zaplin, 31.01.2020
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