Nach(t)kritik

Fr, 23.11.2018
20:00 Uhr
Klassik

Länder – Menschen – Abenteuer

Künstler: 
Kian Soltani, Violoncello & Aaron Pilsan, Klavier
Ja, es geht auch ohne klassisch-romantische Literatur. Es gibt nicht viele Konzertveranstalter, die sich trauen würden, ein solches Repertoire aufs Programm zu setzen. Der überwältigende Erfolg des Abends vor ausverkauften Rängen zeigte aber, dass sich Mut zum Unkonventionellen auszahlt.
Es kommt natürlich immer auf die Qualität der Ausführung an. Und die überzeugte hier auf voller Linie. Das junge österreichische Duo Aaron Pilsan (Klavier) und Kian Soltani (Violoncello) ist aber auch als ein festes Ensemble zu sehen. Beide Musiker konzertieren seit vielen Jahren miteinander, was ihnen längst schon erlaubt, bis in die extremsten Ausprägungen mühelos homogen im Spiel wie im Zugriff zu bleiben. Und das war hier insofern von entscheidender Bedeutung, weil die interpretierten Werke stark emotionale Erzählungen waren, die aus dem engen Zusammenspiel ihre Ausdruckskraft, Atmosphäre und Aussagefähigkeit schöpften.
Im Prinzip ging es im Programm um kühne Musikneuerer. Sie alle verbanden ihre avantgardistischen Vorstöße miteinander, die sie jedoch allesamt aus der jeweiligen musikalischen Tradition heraus vollzogen. Gerade dies zeigte sich besonders spannend in den drei „Persian Folk Songs“ vom iranischen Komponisten Reza Vali (geb. 1952), der nach Studien in Teheran und Wien schließlich in den USA seine neue Heimat fand. In der Auswahl von drei daraus, „Verlangen“, „Das Mädchen von Shiraz“ und „Liebestrunken“, offenbarte sich eine überaus stimmige Synthese aus orientalischem wie westlichem Musikverständnis, auch wenn die in den Titeln formulierten, im Grunde szenischen Darstellungen durchaus Unterschiede in der Ausdrucksweise deutlich machten. Hier erreichte die starke Emotionalität und Expressivität des Duos ihren Höhepunkt. Eine Zuspitzung, die ein so starkes Werk wie Schostakowitschs Sonate d-Moll op. 40 von 1934 benötigte, um noch ein großes Finale nachsetzen zu können. Selbst das bis an die Schmerzgrenze gedehnte, nicht enden wollende Largo darin hatten Soltani und Pilsan dramaturgisch absolut im Griff und begeisterten mit einem entsprechend einfühlsam gespannten Bogen. Das Feld für das ironisch-sarkastische Allegro-Finale hätte nicht besser bestellt sein können. Der wilde Taumel, der einst der sowjetischen Zensur die Stirn bot, war auch frech genug, die dramaturgische Entwicklung im Programm abzurunden, nachdem es ja schon sehr gewichtig mit Debussy begonnen hatte. Für viele Konzertbesucher sicher überraschend, wie konkret und weit von allem Nebulösem die Musik des Impressionisten verstanden werden kann. Debussys Sonate von 1915 bot auch die Stirn, allerdings einem Kriegsfeind, dessen Musik bis dahin die europäische Tradition prägte. Der deutsch-österreichischen klassisch-romantischen Prägung entgegen, knüpfte Debussy an Rameau und Couperin an, um mit literarisch gedachten Szenen eine neue Musik zu kreieren. Eine die nicht von formalen Dingen bestimmt wird, sondern sich frei nach den Empfindungen richtet. Auch Debussy offenbarte Ironie und Sarkasmus, doch mit poetischem Vokabular der Commedia dell’Arte. Alles Charakteristika, die Pilsan und Soltani geradezu eine Aufforderung waren, fesselnd, ausdrucksintensiv und mutig in den Ausprägungen großes Theater zu inszenieren.
Nicht anders in der Sonate von Poulenc, die den Schalk in dessen Nacken freimütig gewähren ließ. Großartig, wie die beiden Musiker den Faden feinsinnig spannen und das unentwegte Changieren zwischen kapriziöser Ausgelassenheit, tänzerischer Leichtfüßigkeit, spöttischer Provokation, dann aber auch sanglicher Melodik, empfindsamer Erzählung und ernstem Sinnieren auf eine Linie brachten, die sozusagen eine Rhapsodik der Moderne zeichnete. Dass man dem Komponisten der Groupe des Six, die sich nichts geringeres als eine neue französische Musik zu kreieren vornahm, intuitiv-improvisatorischen Charakter nachsagt, konnte man hier im Spiel von Soltani und Pilsan leicht nachvollziehen. Ihr spiel kam frisch, mitreißend und beredsam daher, wobei die beiden Musiker es verstanden, ihre Zuhörer auf ihre musikalische Abenteuerreise mitzunehmen. Bis in die nicht minder frenetisch umklatschte Zugabe.
Reinhard Palmer, 24.11.2018
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2018