Nach(t)kritik

Mi, 03.10.2018
20.00 Uhr
Jazz

Liebe auf den ersten Blick

Veranstaltung: 
Künstler: 
Leroy Jones & Uli Wunner´s Jazz Creole

Es war wieder einmal Zeit. Zeit für diese warme Stimme und diesen unvergleichlich lässigen Trompeten-Sound, die einen die ersten kühleren Herbstabende und die zunehmende Dunkelheit leichter ertragen lassen: Leroy Jones war nach zwei Jahren „back in town“, und mit ihm jene vier Herren aus Freising, Gent und Breda, die mit ihrem wohltuenden Old School-Auftritt schon damals das bosco verzückt hatten – Uli Wunner (Saxophon, Klarinette), Karel Algoed (Kontrabass), Harry Kanters am Piano und Stephan Treutter an den Drums – allesamt imzwischen zwei Jahre älter und doch zeitlos jung mit all den Standards und Klassikern, die sie im Gepäck haben. Jones, der Mann aus New Orleans, der Stadt am Mississippi, die sie „The Southern Queen“ nennen, und die vier Europäer, die sich allesamt in diese Königin des Südens verliebt haben. Kennengelernt hatte sich das alle zwei Jahre zu Tourneen durch Deutschland und die Schweiz verabredete Quintett bei einem Jazzfestival in Ascona, und auch das „war Liebe auf den ersten Blick“, wie Uli Wunner berichtet. Seitdem pflegen sie ihre Passion für die jazzigen und bluesigen New-Orleans-Spielarten also gemeinsam, und es scheint jedesmal eine Art Hochamt daraus zu werden für diese Stadt der spirituellen Unverwüstlichkeit, die doch so viele Stürme über sich hat ergehen lassen müssen. „We´re not from the United States, we´re from the most northern part of the Caribbeans“, sagt Leroy zwischendurch, um klar zu stellen, dass er mit dem Amerika à la Trump nichts am Hut hat. Wer dann seiner Trompete und dieser mantelwarmen, gütigen Stimme lauscht, der kann den Süden geradezu schmecken – „When it´s sleepy time down south“ lässt den Mond aufgehen und breitet eine friedliche Abendruhe aus, die Sehnsüchte weckt. „A night in New Orleans“ ist der Abend passender Weise überschrieben, und so kommen durchaus auch wildere Töne zu ihrem Recht: Seite an Seite stürzen sich Jones und Wunner an ihren Instrumenten die Klangtreppen hinab, und wenn insbesondere Leroy den Solo-Part übernimmt, wirkt das immer wie gerade frisch kreiert, so als finde da ein stets neuer musikalischer Denkvorgang statt. Dabei hat man selten einen so geschmeidigen und gleichzeitig unprätentiösen Trompeter erlebt – und dieser höchst angenehme Geist scheint auch die „Europäer“ erfasst zu haben: Karel Algoed holt aus seinen Bass-Soli verblüffend Melodiöses heraus, während Harry Kanter („Man spielt nicht jeden Tag auf einem Steinway“) mal eben die Stride-Piano-Nummer „Fingerbreaker“ aus den Zwanzigern vom Stapel lässt. Und Uli Wunner ist - vor allem an der Klarinette - ohnehin von derartiger Souveränität, dass er Soli gar nicht braucht, um seine Klasse zu demonstrieren.

Natürlich bringt ein solcher Abend auch die Klassiker wie „Why not take all of me“, „Indiana“ „Hindustan“ oder „Pennies from heaven“ und, als Zugabe, Louis Armstrongs Evergreen „What a wonderful world“, er bringt aber auch eine Komposition von Jones´ finnischer Frau, die New Orleans als „Paradise On Earth“ feiert, sowie ein Stück aus Jones´ eigener Feder – den „Sea Jam Shuffle“. Die ganze Vielseitigkeit eines als Traditionalist geltenden Weltklasse-Trompeters von 60 Jahren  ist hier zu hören: Allein das über eine halbe Minute dauernde, bis fast zur Atemlosigkeit exerzierte Tremolo war das Eintrittsgeld wert. Doch es ging ja gar nicht um „Zirkusnummern“, sondern um diese warme Brise aus dem Süden, die Herz und Knochen wärmte. Jazz an einem Herbstabend - und die Welt ein Stück weit in Ordnung. Es war wieder mal Zeit.

Thomas Lochte, 04.10.2018

Direkt nach der Veranstaltung schreiben professionelle Kulturjournalist*innen eine unabhängige Kritik zu jeder Veranstaltung des Theaterforums. Diese Kritik enthält dabei ausschließlich die Meinung der Autor*innen.
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