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Nach(t)kritik

Fr, 11.03.2022
20.00 Uhr

Matt glänzend

Veranstaltung: Jonathan Biss, Liza Ferschtman, Malin Broman & Antoine Lederlin: Janáček, Dvorák und Brahms

Klavier plus ein oder mehrere Streichinstrumente: Das ist wegen der Kombination der „temperierten“ Stimmung des Tasteninstruments und der „nicht temperierten“ der Streicher mit ihren reinen Quinten an sich schon eine klanglich etwas heikle Angelegenheit. Beim Klaviertrio oder Klavierquartett treffen dann anders als beim Streichquartett entweder zwei bzw. drei Mitglieder eines Quartetts auf einen Pianisten bzw. vier mehr oder minder solistisch spielende Musiker musizieren gemeinsam.

Der Leser ahnt, was jetzt kommt: Beim Konzert von Jonathan Biss am Flügel, der Geigerin Liza Ferschtman, der Bratscherin Malin Broman und dem Cellisten Antoine Lederlin vom Belcea Quartett gab es ein Zentrum – und das war nicht die Primgeigerin. Die Impulse gingen vielmehr stets vom großartigen, ungemein differenzierten Pianisten aus, ob bei Mozart oder Brahms – und sogar bei der Violinsonate von Leoš Janáček. Auch wenn das jetzt nicht sehr charmant ist: Wann immer Biss allein spielte, ging die Sonne auf und die Ohren focussierten sich auch sonst, ohne dass man das mit dem Kopf steuern konnte, immer wieder automatisch auf ihn.

Kommt hinzu, dass dem Programm ein wirkliches Hauptwerk fehlte, so berühmt auch Mozarts reifes Es-Dur-Klavierquartett KV 493 oder das – mit Verlaub – letztlich doch trotz aller Schönheiten manchmal etwas redundante Jugendwerk des 28-jährigen Johannes Brahms in A-Dur sein mögen. Ersteres ein wahrlich „heiteres“, vielleicht auch ein wenig harmloses Stück, das Biss freilich fein abgetönt und spannungsvoll in seinem Klavierspiel servierte. Die Streicher mühten sich redlich mitzuhalten, waren mit Eifer bei der Sache, aber das ersetzt eben nicht wirklich ein langjähriges Feilen an Details, an der Abstimmung von Akkorden, am in vielen Proben erarbeiteten Wissen um Struktur und spannungsvollen Verlauf.

Das klingt jetzt sehr streng, denn es wurde ja keineswegs ungenügend oder „falsch“, etwa in der Intonation oder generell im Zusammenspiel, musiziert. Aber Ensembles wie das Quatuor Ébène und andere jüngere Streichquartette, von denen es mittlerweile viele gibt, die tagaus, tagein zusammenarbeiten (können), haben auch als Klaviertrio oder Klavierquartett in den letzten Jahrzehnten Standards gesetzt, hinter die man nicht mehr so einfach zurückgehen kann. Und so muss man leider sagen, dass beim Konzert im Bosco noch Luft nach oben war: Die Primaria war eher Solistin, als dass sie das Quartett geführt hätte, und der renommierte Cellist wirkte, als würde er den ganzen Abend mit angezogener Handbremse spielen und sich, warum auch immer, stets zurückhalten und nie die Führung übernehmen, was er durchaus auch gelegentlich hätte tun können.  

 

Klaus Kalchschmid, 12.03.2022


Direkt nach der Veranstaltung schreiben professionelle Kulturjournalist*innen eine unabhängige Kritik zu jeder Veranstaltung des Theaterforums. Diese Kritik enthält dabei ausschließlich die Meinung der Autor*innen.
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Fr, 11.03.2022 | © Werner Gruban - Theaterforum Gauting e.V.