Nach(t)kritik

Do, 16.02.2017
20.00 Uhr
Kabarett
Philipp Weber

Milchschaum und andere Schaumschlägereien

Künstler: 
Philipp Weber

Philipp Weber ist - Wiederholungstäter in den Zuschauerreihen wissen dies - ein Küchengerätejunkie. Er liebt diese chromblitzenden, turboschnellen Geräte, mit denen sich wahlweise Heiß- oder Kaltgetränke, Süßspeisen oder knusprig Gegrilltes herstellen lassen. Besonders anfällig ist er für jede Art von Milchschaumzubereitern. Und auf dem Balkon steht, natürlich: ein Weber-Grill. Kein Wunder, dass der Schnellredner unter den jüngeren Kabarettisten ein willkommenes Opfer für Werbesprüche ist - und zwar nicht nur als Adressat, sondern auch als Produzent. Ein Freund, der zufällig eine Werbeagentur betreibt, hat versucht, ihn für eine Kampagne zu gewinnen. Es ging dabei um eine neue Pflegeproduktserie, die allerdings die ersten Tester reihenweise in Tiefschlaf oder Höhenflüge versetzte. Die kleine Nichte schlief sogar zum ersten Mal seit ihrer Geburt durch - seit 48 Stunden. Wie sich herausstellte, war die Basis der Produkte ein afghanischer Cannabis-Extrakt.

Die Erfahrung, dass eben nicht jedes Produkt hält, was seine Werbung verspricht, dass diese dennoch ihre manipulative Wirkung auf die Konsumenten immer hemmungsloser entfalten kann, bildet den Anlass für das neue Programm, das Philipp Weber an diesem Donnerstagabend im bosco zum ersten Mal vor Publikum spielte. Es ging um Slogans, wie sie inzwischen auf den Websites zahlreicher bundesdeutscher Städte zu finden sind, beispielsweise in der thüringischen Waffenstadt Suhl, die den passenden Slogan „Suhl trifft“ im digitalen Schilde führt. Nachdem nun unter Kretschmann in Baden-Württemberg der Anbau von Cannabis legalisiert werden kann, schlägt Weber analog zum Suhlet Spruch für die Landeshauptstadt vor: „Stuttgart kifft“. Für den Freistaat Bayern könnte er sich so etwas wie „Wo Sie uns finden: auf der Karte unten rechts“ vorstellen. Bildlich müssen sie sein, die Slogans, griffig, chic.

Die Manipulation, die geschickte Sprachkünstler in ihren Slogans und anderen Werbetexten verpacken, ist ein sehr gutes und hochaktuelles Thema. Dort, wo Politiker den Wahrheitsgehalt von journalistischer Berichterstattung anzweifeln und das Wort „Fake News“ zum Anglizismus des Jahres gekürt wird, ist ein genauer, scharf fokussierter Blick auf den Umgang mit Sprache mehr als nötig. Und nicht selten findet sich in den Äußerungen der besonders medienkritischen Zeitgenossen ein besonders manipulativer Ansatz. Allein das Wahlprogramm der AfD, aus dem Philipp Weber zitiert, bietet hier Zündstoff genug.

Andere Beobachtungen des Kabarettisten zum Thema „Manipulation und Werbung“ sind dagegen vergleichsweise harmlos, doch nicht minder komisch. Die Idee, in mathematischen Textaufgaben einfach mal Product Placement zu verstecken, könnte gar ein Vorschlag zum Einwerben von Drittmitteln für Schulhaushalte sein. Und dass zur Herstellung vieler Medikamente Erdöl verwendet wird und daher Senioren „eine Lebensform auf Erdölbasis“ praktizieren, weshalb der Begriff „fossile Energien“ eine völlig neue Bedeutung bekommt, ist mehr ein Gag am Rande. Über lange Strecken kann Philipp Weber seine dramaturgische Taktik, zunächst in alltäglichen Beobachtungen die Satire aufdecken und dann nach ein paar harmlosen Späßen bitterernst und bitterböse zu werden, durchaus auch im neuen Programm durchziehen. Zwar ist sein Markenzeichen, das turboschnelle Sprechen, hier noch eine Idee schneller, so dass er stellenweise sich selber dabei überholt. Und auch das Timing hinsichtlich des Wegs vom Ausbreiten eines Gedankens bis zum ironischen Höhepunkt könnte noch ein wenig geschickter sein. Aber genau dafür probiert man neue Programme aus. Und wo ginge das besser als in Gauting? Das wäre jetzt fast schon ein Slogan.

Sabine Zaplin, 16.02.2017
Galerie 
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2017