Nach(t)kritik

Di, 14.01.2020
20.00 Uhr
Jazz

Nix anbrennen lassen

Veranstaltung: 
Künstler: 
Shake Stew
„Nach dem emotionalen Höhepunkt werden bei uns immer die Bässe gestimmt“, sagt Lukas Kranzelbinder, Bandleader von „Shake Stew“, als sich der akustische Pulverdampf kurzzeitig verzogen hat. Die siebenköpfige Formation aus Österreich hat gleich zwei Kontrabassisten an Bord (Kranzelbinder und Oliver Potratz), dazu zwei Drummer (Nikolaus Dolp, Andreas Haberl), den Trompeter Mario Rom sowie den Tenorsaxophon-Spieler Otis Sandsjö und die Altosax-Virtuosin Astrid Wiesinger, die beim Bosco-Auftritt für die Stammkraft Clemens Salesny ins Team gerückt ist. Alles rund um das „Allein-stellungsmerkmal“ Mario Rom ist hier im Doppelpack vertreten, eine Ausstattung, die „Shake Stew“ gewissermaßen die Kraft zweier musikalischer Turbolader verleiht und ungeahnte Möglichkeiten der Komplexität bietet: Ausladende, zum Teil weit über 20 Minuten dauernde Konzeptstücke sind das Markenzeichen dieser Truppe, die in so gar keine Schublade passen will und am ehesten noch mit „Willkommen im Dschungel“ umschrieben werden könnte. Vor drei Jahren sorgte das vereinte Kraftpaket als Stageband im Wiener Club Porgy & Bess erstmals für Aufhorchen, seither reißen sich die Veranstalter von Jazz-Festivals weltweit um den „umgerührten Eintopf“, wie man „Shake Stew“ übersetzen könnte.

Beim „Bosco“-Gastspiel fühlt sich Band-Gründer und Ko-Bassist Kranzelbinder offenbar aus einer gewissen ironischen Fürsorglichkeit heraus bemüßigt, die Leute vorzuwarnen, was da gleich auf sie zu kommt: „Nicht eskalieren lassen, aber lassen S´ es raus“, rät er den erwartungsfroh gestimmten Gautingern, und dann geht nach einem „tonalen Intro“ auch schon die Post ab, ohne jede Rücksicht auf allzu Harmoniesüchtige oder auf die Anhänger eher leiser Töne. Tenor-Saxophonist Otis Sandsjö, von Statur eigentlich recht robust, arbeitet sich zu „Fall Down Seven Times, Get Up Eight“ gleich mal dermaßen ab, dass man fürchten muss, er werde nach der Startnummer ein Sauerstoffzelt benötigen - der Mann und sein Instrument ein einziges Toben und Wogen. Für „Shake Stew“ ist es das allererste Konzert im Jahr 2020, verrät Kranzelbinder, und weil das Publikum von Anfang an begeistert mitzieht, meint der Chef, es dürfte „ein gutes Jahr“ werden. Die Nummern sind komplex und fordernd – langer Anlauf, anschwellendes Tempo-Drumming, Steigerung zu orkanartiger Gebläse-Kraft und keine Angst vor der Hochton-Folter durch das entfesselte Altsax der fantastischen Astrid Wiesinger. Ihr permanent wippender Haarschopf entspricht optisch absolut dem dramatischen Geschehen. Man könnte von instrumentellem Extremismus sprechen.

Durch die schiere Länge der Stücke schaffen „Shake Stew“ bis zur verdienten (Erschöpfungs-)Pause zwar nur drei „Arbeitsaufträge“ (bei Wally Warning waren es zwei Tage zuvor deren zwölf), doch eine solche „Ekstase mit Ansage“ auf breiter Front fordert halt ihren Tribut: Der Bosco-Besucher strebt sofort zum Getränkenachschub, derart schweißtreibend war Teil eins dieses Dschungelcamps. „Gris Gris“ lautet der Titel der erst im November 2019 eingespielten dritten CD der Band. Es ist eine einzige Kraftdemonstration und quasi die logische Fortsetzung des Vorläufers „Rise And Rise Again“. Die instrumentelle Dopplung mit Mario Roms singulärem Trompeten-Part als Herzstück ist auf ihre Weise einzigartig: Immer wieder erhebt sich dieser wie ein Solitär aus der wogenden Umgebung, bewältigt auf dem Höhepunkt mit schier endlosem Atem tragende Passagen. Durchsetzt sind diese häufig mit mythischen und naturbezogenen Themen assoziierten Klangabenteuer auch immer wieder von „Double Drum“-Strecken im Afro-Beat-Stil oder Kontrabass-Dopplungen, wobei mal der eine zupft und der andere streicht. „Shake Stew“ sind jederzeit für Überraschungen gut und lassen, um im Bild zu bleiben, „nix anbrennen“ beim stetigen Umrühren. Schon Titel wie „I Can Feel The Heat Closing In“ deuten an, dass hier was ganz Heißes auf dem Herd steht. Ein Stück ging angeblich sogar auf das Leiden an der aktuellen Politik in Österreich zurück, den Titel „Ibiza“ oder „Kind-Kanzler“ hat es dann aber doch nicht bekommen, das wäre wohl auch zu einfach gewesen. Ja, „Jazzmusik hat viel mit Leiden zu tun“, sagt Kranzelbinder.

Der Bandchef hält seine Conférencen zwischendurch schön ironisch. Spricht von der „Leere“, die das Publikum nach solchen Live-Erlebnissen regelmäßig befalle. Leitet auf diese Weise geschickt zum Tonträger-Verkauf nach dem Konzert über. Vorher aber gibt es noch eine Zugabe und eine Art „Ehrung“ für den Tenorsaxophonisten: Ihm wird wie eine Jagdtrophäe einer der Gongs umgehängt, die während des Abends schon das ihre beigetragen hatten. Auch die Zuhörer dürfen sich jetzt wie Helden fühlen – sie haben dem Sturm nicht nur getrotzt, sie haben ihn jubelnd genossen.
Thomas Lochte, 15.01.2020

Direkt nach der Veranstaltung schreiben professionelle Kulturjournalist*innen eine unabhängige Kritik zu jeder Veranstaltung des Theaterforums. Diese Kritik enthält dabei ausschließlich die Meinung der Autor*innen.
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