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Nach(t)kritik

Mi, 23.11.2022
20.00 Uhr

Schatten an der Wand

Veranstaltung: Gerd Holzheimer: Da schau her (Teil 1)

Stimmt das wirklich? Nachrichten lassen sich fälschen, Bilder kann man manipulieren, und ganze Reportagen großer Nachrichtenmagazine haben sich schon als reine Phantasie entpuppt. Ist also das, was wir sehen, zum großen Teil „erstunken und erlogen“? Gerd Holzheimer, Schriftsteller, Literaturreisender und -kenner hat sich einmal mehr aufgemacht, die Literatur- und Geistesgeschichte zu einem Phänomen zu befragen, das uns aktuell betrifft: die Frage nach dem Realitätsgehalt im Wahrgenommenen - oder anders gesagt: ist tatsächlich immer wahr, was wir für wahr nehmen?

Der bayerische Ausruf „Da schau her!“ offenbart es: mehr Ausruf der Überraschung als eine Aufforderung zum genauen Hinsehen, kennzeichnet er den Prozess der Wahr-Nehmung immer auch als ein Aufmerksamwerden. Und tatsächlich bestätigt das die digitale Gegenwart: jene Nachrichten, die am schnellsten, stärksten die Aufmerksamkeit vieler wecken, generieren die meisten Klicks und damit die größte Wahrnehmung. Schon allein, um dieses Phänomen einmal genauer unter die Lupe zu nehmen, lohnt der Blick zurück: war das eigentlich immer schon so, vom Technischen wie Klicks einmal abgesehen?

Gemeinsam mit dem Rezitator Hans Jürgen Stockerl schlägt Gerd Holzheimer einen Bogen von der Antike bis in die Neuzeit, beginnend bei König Krösus, der gleich drei Orakel befragt hat, ob er tatsächlich einen Angriff gegen die Perser wagen solle. Orakel unternehmen gemeinhin einen Blick in die Zukunft und geben das dort Wahrgenommene in poetisch verrätselter Weise als Denksportaufgabe an den Auftraggeber zurück, so dass dieser - je nach Knobelbegabung - das Ergebnis auch falsch deuten kann. Anders verhält es sich bei Sehern und vor allem Seherinnen. Das tragische Schicksal der Seherin Kassandra regt seit der Antike Dichterinnen und Dichter zur Auseinandersetzung mit der Vorhersagbarkeit von Geschehnissen an, berühmtestes Beispiel aus jüngerer Zeit ist der Roman gleichen Titels von Christa Wolf. Hier gönnt Holzheimer sich und dem Publikum einen Blick zurück und erinnert sich an eine Lesung der Schriftstellerin im Starnberger Undosa, wo sie im März 1986 ihre „Kassandra“ vorstellte. Dreieinhalb Jahre später war die DDR, ihr Land, Geschichte - und diesen Ablauf hat so genau wohl kaum jemand vorausgesehen, wie die zu Jahrestagen im Fernsehen zu sehenden zeitgeschichtlichen Dokumentationen immer wieder belegen.

Das womöglich erste Fernseh-Erlebnis in der Geschichte der Wahrnehmung erzählt Platon in seinem berühmten „Höhlengleichnis“, in welchem er die Menschheit gefesselt in einer Höhle verortet, mit dem Rücken zum Höhleneingang, von wo das Licht kommt und so auf die Gefesselten fällt, dass diese Schatten an die Höhlenwand werfen. Alles, was sie sehen können, sind diese Schatten; folglich halten sie diese für die Welt. Und womöglich haben sie damit ja auch Recht (erlaubt die Autorin sich augenzwinkernd zu bemerken). Die Welt ist schließlich alles, was der Fall ist, hat der Philosoph Wittgenstein geschrieben.

Von der Welt zum Fall wird die Wahrnehmung aus der Perspektive der Psychologie und Psychoanalyse, welche ihrerseits insbesondere die Dichterinnen und Dichter der Moderne beinflusst hat. Und so schließt der Abend mit einem Autor, der bereits einige Zeit vor Christa Wolf das Starnberger Undosa von der Seeseite her, aus dem Ruderboot, betrachtet hat: Gustav Meyrink. Dessen „Qualen und Wonnen im Jenseits“ geben einen so vergnüglichen Einblick in eine Gegend gänzlich außerhalb der irdischen Wahrnehmung, dass man nur Shakespeare zustimmen möchte: es gibt eben weit mehr zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit uns träumen lässt.

Sabine Zaplin, 24.11.2022


Direkt nach der Veranstaltung schreiben professionelle Kulturjournalist*innen eine unabhängige Kritik zu jeder Veranstaltung des Theaterforums. Diese Kritik enthält dabei ausschließlich die Meinung der Autor*innen.