Nach(t)kritik

Sa, 02.02.2019
20.00 Uhr
Vielklang

Schaukelnde Dromedare

Veranstaltung: 
Künstler: 
Martina Eisenreich & Andreas Hinterseher

„Auf der Suche nach dem Wunderbaren“ lautet der Untertitel des Programms „Into the Deep“, mit dem Violinistin Martina Eisenreich und Akkordeonist Andreas Hinterseher sich erstmals gemeinsam auf die Bühne des bosco begaben. Beide waren jeweils schon ohne den Anderen hier aufgetreten – Hinterseher etwa als Mitglied der Akustik-Jazz-Formation „Quadro Nuevo“, während Eisenreich sich Dank ihrer Vielseitigkeit in Gauting zusammen mit verschiedenen anderen Akteuren auf geigende Weltmusikreisen begeben hatte. Diesmal stellten sie ihre Instrumente als „ganz spezielle Kombination" vor, die "mit Hall wie ein ganzes Orchester klingen" (Eisenreich) - hin und wieder ergänzt von Wolfgang Lohmeier und dessen „internationalem großen blauen Reiseschlagwerk“, einer Art perkussivem Gewürzregal, das gar wundersame Klänge erzeugen kann – doch davon später...

Martina Eisenreich lockt die Zuschauer allein schon durch ihre prächtigen roten Haare ein Stück weit Richtung Irland, während ihr glitzerndes schwarzes Kleid jenes Magie-Versprechen optisch vorwegnimmt, das dann musikalisch meist eingelöst wird. Doch diesmal lagen die Akzente ein Stück weit anders: Andreas Hintersehers Möglichkeiten am Akkordeon brachten argentinischen Tango und wunderbaren Musette-Walzer ins Spiel, wie man sie vor allem im Paris der 30er- und 40er Jahre des 20.Jahrhunderts „bei großen Bällen zu Tausenden tanzte“. Mit der typischen, buchstäblich hinreißenden Präsenz dieses Akkordeons musste die ihrerseits dominanzgewohnte Eisenreich-Violine erst mal Schritt halten – was zumeist auch einigermaßen balanciert gelang. Tango-Stücke wie „Der Tag, an dem du mich lieben wirst“ oder Astur Piazzollas „Oblivion“ transportieren große Sehnsucht und noch größere Melancholie, da besteht durchaus die Chance, dass bei zwei tragenden Instrumenten in Summe allzu dick aufgetragen wird. Das Publikum störte sich anscheinend nicht an dieser „Gefahr“ des allzu Gefälligen, sondern folgte den vorgegebenen Pfaden mit lemminghafter Begeisterung: Die Filmmusik zu „Il postino“ wurde von Eisenreich/Hinterseher aber auch zum Seufzen schön dargeboten, inklusive der flamboyanten Inhaltsangabe, so dass man spätestens ab diesem Zeitpunkt bereit war, nur noch zu schmachten und zu schmelzen. Geradezu unwirklich gut umgesetzt war dann in der Eigenkomposition „Tunis“ ein schaukelnder Dromedar-Ritt im Nebel, den die Musiker angeblich schon imaginiert hatten, ehe sie in den Maghreb eincheckten – die Höckertiere hießen übrigens „Helmut“ und „Shakira“. In diesem Sattel zeigte sich die schon mal als „Teufelsgeigerin“ apostrophierte Eisenreich erstmals wirklich von ihrer magischen Saite.

Damit der romantische Paarhufer aber nicht durchging mit den beiden Hauptakteuren, hatten sie geschickter Weise den „Dritten im Bunde“, Schlagwerker Wolfgang Lohmeier mitgebracht. Dieser, u.a. ausgerüstet mit einem als Mini-Harfe dienenden Eierschneider (vulgo: „Ei-Phon“) und einem laut Martina „mit regionalem Mineralwasser gefüllten“ Gegenstand, der als „Wasserfon“ vorgestellt wurde, half kräftig mit, Eisenreichs Komposition für den Film „Nimmermeer“ über die Rampe zu schicken: Ein „düsterer Film“, wie die erfolgreiche Filmkomponistin (u.a. ist sie für den „Tatort“ tätig) selber einräumte – nun ja, mit der Romantik war´s kurzfristig erst mal vorbei im bosco. Doch mit einer fetzigen Mixtur aus „Balkan & Western“-Klängen und „Minutemen“-Soundtrack sowie dem Titelmotiv aus dem Barbara-Streisand-Evergreen „Yentl“ (komponiert vom erst kürzlich verstorbenen Michel Legrand und für Violine wie geschaffen) kehrten Akkordeon und Violine sogleich wieder auf den „sicheren“ Boden emotionaler Klaviatur zurück - „Into the Deep“ meint nicht nur musikalische Versenkung und Innerlichkeit, sondern gewiss auch tiefe Gefühle. Ergebnis: Anhaltender Applaus und viele, leicht suizidale Seufzer.

Thomas Lochte, 03.02.2019
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