Nach(t)kritik

Di, 28.05.2019
20.00 Uhr
Klassik

Stimmige Intensität

Veranstaltung: 
Künstler: 
Konzert der ARD-Preisträger

Die bestimmende Qualität der Konzerte mit Preisträgern des Internationalen Musikwettbewerbs der ARD ist zweifelsohne das stets engagierte, lustvolle und überaus intensive Auftreten der jungen Musiker. Auf der Programmebene aber auch das Konzept, beliebte Werke mit selten gespielten zu kombinieren. Diesen Aspekt bedachten die fünf Interpreten gleich mit drei Raritäten, die für viele Zuhörer sicher Neuentdeckungen waren. Fanny Mendelssohns Klavierquartett As-Dur sprengte mit seinem konzertanten Klavierpart geradezu den kammermusikalischen Rahmen. Vita Kan, Pianistin des Trios Marvin, bekam hier gleich zu Beginn die Gelegenheit, ihre virtuose Geläufigkeit und perlende Klangschönheit zu demonstrieren. Die drei Streicher nahmen sich auch maßvoll zurück, um genügend Raum für das brillante Wirbeln bereitzustellen. Ließen sich aber von diesem dominanten Part nicht beirren und blieben den kammermusikalischen Parametern treu.
Die schönmusikalische Balance der drei warm kolorierten Streicher überraschte etwas, da doch Geigerin Marina Grauman und Cellist Marius Urba aus dem Trio Marvin hier mit dem Bratscher Diyang Mei zusammenfinden mussten. Die Empfindsamkeit und Musikalität der drei Streicher machte einen absolut homogenen Klangkörper möglich, sodass Fanny Mendelssohns Larghetto mit kantabler Streichersensibilität betören konnte. Meis Beherrschung seiner Viola trug dazu nicht wenig bei. In der Solo-Zugabe mit dem Capriccio von Henri Vieuxtemps legitimierte der Chinese überzeugend seinen ersten Platz beim ARD-Wettbewerb 2018.
Mit lyrischer Schönmusikalität seelentief zu berühren, konnte man hier allen fünf Musikern bescheinigen. Das sollte ganz besonders in Schumanns Klavierquartett Es-Dur op. 47, dort vor allem im Andante cantabile deutlich werden. Dieses organische Ineinanderfließen der Stimmen verlieh nicht nur diesem Satz eine absolut schlüssige, plastisch sensibel durchgebildete Form. Auch das muss man hier für den ganzen Abend hervorheben. Das gilt ebenso für Thomas Hutchinson an der Oboe, der sich nahtlos ins Streicherensemble fügte, um zwei schon sehr verschiedene Quartette mitzugestalten. Die vitalen Allegro-Sätze Mozarts sprühten geradezu vor Lebensfreude, erklangen hier aber auch in galanter Geschmeidigkeit, die das ganze Werk zu einer überaus wohlfeilen Einheit zusammenklammerte und das kantable Adagio kostbar einfasste. Der 19jährige Benjamin Britten legte sein „Phantasy Quartet“ für Oboe und Streichtrio op. 2 indes nicht gerade ohne Reibungen an. Ganz im Gegenteil: Kantige, ja geradezu ruppige Momente waren ein wichtiges Mittel, der Komposition Kraft zu verleihen. Das Überraschende darin war zweifelsohne die instrumentale Gewichtung, die der Oboe im Grunde nur die Rolle des lyrischen Kontrastmittels zugestand. Im Fokus stand der einmal mehr schönmusikalisch durchgebildete Klangkörper der drei Streicher, die auch schon mal wunderbare Gesänge anstimmten.Was hier aber vor allem fesselte, war der narrative Ansatz, der die Gattung der altenglischen Phantasie dafür nutzte, Geschichten in musikalischen Bildern zu erzählen. Die suggestive Wirkung stemmten die Musiker auch mit fesselnder Rhetorik, die anders charakterisiert bereits bei Ernst Křenek zum Einsatz gelangt war. In dessen Triophantasie op. 63 war das Trio Marvin unter sich und bewies, dass sich Homogenität noch weiter steigern lässt. Spielfreudig zauberte hier das 2016 gegründete Ensemble eine musikalische Abenteuerreise von großer Kraft her. Selbst wer den Komponisten gut kannte, war hier sicher von der romantischen Schönheit überrascht. Křenek hatte in dieser Zeit Schuberts Musik eingehend studiert und brachte sie in seiner Komposition in Einklang mit seiner harmonischen Befreiung von der Tonalität. Insbesondere in den lyrischen langsamen Abschnitten kreierte das Trio Marvin hier eine ausgeprägte Atmosphäre, in der die klangliche Arbeit des Ensembles absolut überzeugte.

Reinhard Palmer, 29.05.2019