Nach(t)kritik

Mi, 21.11.2018
20.00 Uhr
Literatur

Von den Schönen Künsten hinein in den Kartoffelacker

Künstler: 
Gerd Holzheimer "Auf geht´s: Zu neuen Ufern!" (2)

„Gott mit dir, du Land der Bayern!“ - so endet der zweite Abend der Literaturreihe „Auf geht’s: Zu neuen Ufern“ von und mit Gerd Holzheimer, diesmal an seiner Seite mit zahlreichen Auszügen aus der Literatur zu den Wittelsbachern: Hans-Jürgen Stockerl. Mit der ersten Zeile der Bayernhymne schließt sich ein Kreis, der mit dem Satz „Majestät, Revolution is!“ und der Flucht im Auto des letzten bayerischen Königs, Ludwig III., begann. Stockerl, der zur Feier von hundert Jahren Freistaat und zweihundert Jahren Bayerischer Verfassung in Gaibach im Schatten der Konstitutionssäule als Ludwig I. mit einem Text von Gerd Holzheimer im Frühjahr an die grundlegende Idee eines Freistaates Bayern und den Vater einer ersten Verfassung erinnert, holt hier - wohlgemerkt: als Ludwig I. - zu einer kräftigen Schelte auf die heutigen Gefährder von Demokratie und demokratischem Gedankengut aus. „Uns liegt dieser Ludwig viel mehr am Herzen als der oft so idealisierte Ludwig II.“, bekennt Gerd Holzheimer offen.

Der Abend schlägt einen großen Bogen vom Ende der Regentschaft seitens der Wittelsbacher im Jahr 1918 zurück zu den verschiedenen Stationen einer 700 Jahre währenden Herrschaft einer Familie. Natürlich kann der Durchzieher keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, das hätte den zeitlichen Rahmen mehr als gesprengt (wenn auch die fortwährenden Klagen über all das, was nun nicht zur Sprache kommen kann, beinahe auch den zeitlichen Rahmen gesprengt hätten). Doch eines wird bei der Tour d´historique bavaroise deutlich: hier waren in der Regel Regenten am Werk, die den Künsten und Wissenschaften immer wieder zugänglich waren, die ein offenes Ohr für die Töne der Zeit besaßen und denen nichts Menschliches fremd war - ob das nun Herzog Wilhelm V. im 16. Jahrhundert war, unter dessen Regentschaft die Michaelskirche entstand; ob das der zur Verschwendung neigende Kurfürst Max Emanuel war, dem ein zu beschiffendes Kanalnetz im Stil von Venedig für München vorschwebte; ob das der bereits erwähnte Ludwig I. war, der über seine Affäre mit der Tänzerin Lola Montez stolperte; ob das Max II. Joseph und seine Vorliebe für die sogenannten „Nordlichter“ unter den Wissenschaftlern war oder schließlich Ludwig II. mit all den bekannten Legenden, die sich um seine schillernde Gestalt ranken - immer sind es Herrscher, die auch ein Dichter nicht besser hätte erfinden können.

Zahlreiche kleine Anekdoten weiß Holzheimer über die Könige zu erzählen, während Stockerl immer wieder Passagen aus Eberhard Straubs Buch über „Die Wittelsbacher“ zitiert. Diese mit sehr viel Humor geschriebene Kulturgeschichte des in Berlin lebenden Historikers ist eine der Entdeckungen des Abends und lohnt die Lektüre - wie die gewählten Auszüge belegen. Eine andere Entdeckung ist die Geschichte, mit der diese Folge der „Politischen Aufbrüche“ beginnt: darin geht es um den fluchtartigen Aufbruch des letzten Wittelsbacher Regenten, Ludwig III., mit einem Wagen hinaus aus der Stadt in Richtung Rosenheim. Mit einem geliehenen Wagen, da die festen Chauffeure sich den Aufständischen angeschlossen hatten. Unterwegs landet der Wagen in einem Kartoffelacker und wäre beinahe in diesem steckengeblieben. Wie konnte das geschehen? „Damals hatten nur die Fahrzeuge aus dem königlichen Fuhrpark Scheinwerfer“, erklärt Holzheimer, „Leihfahrzeug waren damit nicht ausgestattet, so dass der Weg buchstäblich im Nebel versank.“ Auf der Flucht vor der Revolution bleibt dem abgesetzten König die Sicht versperrt - wenn das kein Sinnbild ist!

Sabine Zaplin, 21.11.2018
Galerie 
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2018