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Nach(t)kritik

So, 26.09.2021
16.00 Uhr

Zeugnisse der Einfachheit und Funktionalität

Veranstaltung: Florian Holzherr: Shaker Architektur

Zum Auftakt der neuen Reihe „Architektur im bosco“ ist dort die Ausstellung „Shaker Architektur“ mit Fotografien von Florian Holzherr zu sehen – nach insgesamt dreimaliger, teils pandemiebedingter Verschiebung, wie bosco-Leiterin Amelie Krause anmerkt. Holzherr, in München an der Staatlichen Fachakademie für Fotodesign ausgebildeter Fotograf und heutiger Universitätslektor an der Technischen Universität Wien, spürt mit den in Gauting gezeigten Arbeiten dem Einfluss der Religionsgemeinschaft der Shaker auf europäische Strömungen in den Bereichen Architektur, Design und Möbel nach – Holzherr über die um 1750 in England entstandene christliche Sekte, die ihren Weg durch Emigration und Verbreitung in der sogenannten Neuen Welt (über „Mother Anne“) bis nach Nordamerika und Kanada fand und vor allem in Kentucky, Massachusetts und Albany im späteren Bundesstaat New York ihre architektonisch bemerkenswerten Zeugnisse hinterließ: „Jedes Gebäude der Shaker ist wie eine Kirche – mit hohen Fenstern und nahezu sakralen Räumen.“ Eigens entwickelte Hänge-Systeme an den Wänden betonten die strikte Funktionalität der Innenräume. Der übergeordnete Gedanke dabei: Je effektiver das Arbeiten, desto mehr Zeit zum Beten – je mehr man arbeitet, desto näher ist man Gott“, so Holzherr über die erst in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts ausgestorbenen Shaker, deren Name sich aus der Bezeichnung der „Quäker“ und dem englischen Wort shake ableitet, dem Sich-schütteln in religiös-ekstatischer Lobpreisung Gottes.

Die Shaker, so Holzherr weiter, seien im Gegensatz etwa zu den Amish People, die modernes Werkzeug und moderne Technik prinzipiell ablehnen, „Technik und Innovationen sehr zugewandt gewesen“: Sie hätten sogar die Kreissäge erfunden, „quasi das iPhone des Jahres 1790“. Die Faszination für das weltanschauliche Konzept der Shaker habe ihn dann 1999 veranlasst, in die USA zu reisen und die noch erhaltenen architektonischen Zeugnisse fotografisch zu dokumentieren, berichtet Holzherr bei der Ausstellungseröffnung im bosco: „Möglichst neutral“ habe er sich den so schlicht wirkenden Gebäuden angenähert, und zwar von allen vier Seiten, wenn möglich: „Niemals Sonneneinfall, immer der gleiche Abstand zu den Objekten“. Die habe er vor allem in Pleasant Hill, Kentucky, vorgefunden, aber auch nahe Boston, Massachusetts oder in Upstate New York. Die in Gauting zu sehende Fotodokumentation zeigt schlichte, höchst funktionale Bauten und deren wie erwähnt geradezu sakralen Innenwelten, die auf den Betrachter wie europäische Turnhallen wirken können oder auch wie Zeugnisse der ersten Siedler an der Ostküste Nordamerikas. Manche Bauten hätten sogar zwei separate Eingänge und im Inneren zwei Treppenaufgänge, berichtet Holzherr: Dies hatte wiederum mit der bei den Shakern strikt zölibatären Trennung von Frauen und Männern zu tun – ihren „Nachwuchs“ rekrutierte sich die Sekte über Waisenhäuser. „Wenn die Kinder erwachsen waren, wurde es ihnen überlassen, ob sie bleiben oder gehen wollten“, so der Fotograf.

Gerd Holzheimer, der sich nach eigener Aussage „als Achtundsechziger“ schon früh mit alternativen Lebensmodellen und der „kommunitären Utopie“ der Shaker befasst hatte, ordnet diese wie folgt ein: „Gemeinschaften, die auch einem Karl Marx weit voraus waren“. Die Shaker strebten Selbstbestimmtheit des Menschen an, frei vom Götzen des Materiellen und von jeglichen Verwertungsmechanismen. Wie Karl Marx, der die Begriffe „Gebrauchswert“ (alles, was der Mensch zum Leben, zum Überleben braucht) und „Tauschwert“ (Wert einer Ware) einführte, es später analysieren sollte, fürchten auch die Shaker schon lange vor Marx die „Entfremdung des Menschen von sich selbst“, indem er – etwa mit seiner Arbeitskraft – selbst zur Ware zu werden drohte, so Holzheimer. Entsprechend beantworteten sie die Frage „Was brauche ich wirklich?“ mit striktem Konsumverzicht, mit solidarisch-humanitärem Leben und Handeln: „Frauen und Männer vollkommen gleichgestellt“. Selbstversorgung und Autarkie, ein indirektes Vorbild für spätere Landkommunen in Nordamerika, auch wiederum in Europa. „Amerika war damals noch ein Land der Freiheit“, merkt Holzheimer an. Die Utopie, sie betone stets „nicht, wie es ist, sondern wie es sein könnte“: Ein prinzipielles Streben nach einer gewissen Einfachheit. „Klare Linien, leere Flächen, der ruhige leere Raum“, der architektonische Ausdruck eines solchen Konzepts.

Die Shaker-Kommunitäten in Nordamerika umfassten zeitweilig über 100 Sozietäten mit über 100.000 Mitgliedern – bei einer Gesamtbevölkerung (um 1850) von nur 23 Mio. eine beachtliche Größenordnung. Die Ausstellung erinnert an ihren bis heute anhaltenden Einfluss auf Architektur und Möbeldesign.

Zu sehen ist die Ausstellung „Shaker Architektur“ bis einschließlich 16.Dezember zu den Öffnungszeiten des bosco und während der Abendveranstaltungen; die nächsten beiden Angebote zum Thema sind: 5. Oktober, 20 Uhr, der Film „The Shakers – Hands to work, Hearts to God“ von Ken Burns und 24. Oktober, 14 Uhr, Ausstellungsführung mit Architekturfotograf Florian Holzherr (Eintritt frei).

Thomas Lochte, 27.09.2021


Direkt nach der Veranstaltung schreiben professionelle Kulturjournalist*innen eine unabhängige Kritik zu jeder Veranstaltung des Theaterforums. Diese Kritik enthält dabei ausschließlich die Meinung der Autor*innen.
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So, 26.09.2021 | © Werner Gruban - Theaterforum Gauting e.V.