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Veranstaltungsinfo

26.09. - 16.12.2021
16.00 Uhr
Ausstellung

Eintritt frei

Platzkarten für Veranstaltungen erforderlich / erhältlich ausschließlich über das Theaterbüro
unter 089 45 23 85 80 oder kartenservice@theaterforum.de

Florian Holzherr: Shaker Architektur

In seiner Ausstellung zeigt Architekturfotograf Florian Holzherr Bauwerke der Religionsgemeinschaft der Shaker. Zur Eröffnung spricht er über die Shaker Architektur und ihren Einfluss auf europäische Strömungen in den Bereichen Architektur, Design und Möbel.

Der Wirklichkeits- und Wahrheitsgehalt von Bildern wird nicht nur durch Absicht im Abbild, sondern zu allererst durch seine mediale Umsetzung geprägt. Jeder Fotografie liegt ein gewünschter Zusammenhang im Machen, als auch im Wahrnehmen zugrunde. Worin liegt das Interesse an einer zölibatären Religionsgemeinschaft für einen Fotografen? Und wie kommt eine Auswahl von Gebäuden aus dem 18. und 19. Jahrhundert zustande?
Die nun ausgestorbene Religionsgemeinschaft der Shaker, nahm Mitte des 18. Jahrhunderts ihren Ursprung in Europa und konnte durch geschickte Fusion mit den Baptisten sehr rasch die Zahl der Ordensmitglieder erhöhen. Der Bedarf an Wohn- und Wirtschaftsgebäuden wuchs und wurde regional abgestimmt entwickelt. Natürlich spezialisierten sich einzelne Mitglieder aufgrund ihrer Fähigkeiten und gaben dem gesamten Vorhaben die Präzision, die wir heute in allen handwerklichen Berufen so vermissen. Formfindung und Funktion treffen sich im puristischen Verständnis der Zeit und spiegeln den Umbruch. Man merkt sehr schnell, dass sich freie und befreite Gesellschaftsschichten mit ähnlichen Themen beschäftigen. Das Besondere und der große Erfolg dieser Gemeinschaft liegt vor allem in der Anwendung aufklärerischer Ideale und spiegelt sich in der gleich berechtigten Aufnahme beider Geschlechter, sowie der Zulassung farbiger Schwestern und Brüder. Obwohl sie zeitweise über riesige Ländereien verfügten, konnte der Bedarf an menschlicher Arbeitskraft in den rasch wachsenden Städten durch die Industrialisierung, den Nachwuchs nicht mehr decken – ihr Untergang begann. So stellen wir auch heute die Frage warum die Städte im Aufbau so starken Zuwachs brauchen und im Umgang mit diesem, aus sich heraus nicht mehr bewältigen? (Prof. Dietmar Tanterl)

FLORIAN HOLZHERR, 1970 in München geboren, absolvierte seine Ausbildung zum Fotografen an der Staatlichen Fachakademie für Fotodesign in München. Seitdem realisierte er zahlreiche Projekte mit Künstler*innen und Architekt*innen und Untersuchungen zum Verlust durch gesellschaftliche Veränderung und zählt inzwischen zu den Top Ten deutscher Architekturfotograf*innen. Florian Holzherr ist als Universitätslektor an der Technischen Universität Wien tätig und hat Lehraufträge an Hochschulen im In- und Ausland. Seine Fotografien wurden u.a. auf der Architekturbiennale in Venedig 2012 ausgestellt.
 

Eröffnung Do 23.09.2021 | 19:00 | Eintritt frei mit Platzkarte*
Eröffnung So 26.09.2021 | 16:00 | Eintritt frei mit Platzkarte*
Rahmenprogramm Vortrag von Florian Holzherr im großen Saal

Begleitveranstaltungen Im Rahmen der Ausstellung finden folgende Veranstaltungen statt:

  • Film »The Shakers – Hands to work. Hearts to God« von Ken Burns
     Di 05.10.2021 | 20:00 | Eintritt frei mit Platzkarte*
  • Vortrag »Architektur & Spiritualiät« mit Axel Frühauf
    Di 16.11.2021 | 20:00 | Eintritt frei mit Platzkarte*
    Mi 10.11.2021 | 20:00 | Eintritt frei mit Platzkarte*
  • Diskussion »Architektur – Identität schaffen. Identität abbilden.«
    Mi 01.12.2021 | 20:00 | Eintritt frei mit Platzkarte*

Führungen Florian Holzherr führt am So, 24.10.2021 und am Sa 20.11.2021 jeweils um 14 Uhr durch die Ausstellung. (Anmeldung erforderlich: telefonisch unter 089/45328580 oder per E-Mail an kartenservice@theaterforum.de.)
Dauer der Ausstellung Bis Do 16.12.2021 zu den Öffnungszeiten des bosco und während der Abendveranstaltungen für Gäste der entsprechenden Veranstaltung

* Platzkarten für die Veranstaltungen sind ab Sa 18.09.2021 ausschließlich über das Theaterbüro erhältlich.

Der Besuch unserer Ausstellungen während der Öffnungszeiten des bosco ist frei. Bitte beachten Sie bei Ihrem Besuch die momentan geltenden Corona-Hinweise.
 

Die Ausstellung sowie das Begleitprogramm finden im Rahmen der neuen Veranstaltungsreihe Architektur im bosco statt.

Logo Architektur im bosco

Architektur im bosco ist eine breit angelegte Plattform für die Auseinandersetzung mit Fragen der Architektur. Dabei wird der Begriff Architektur weit gefasst, vom einzelnen Objekt über städtebauliche Planung bis hin zu Fragen des menschlichen Zusammenlebens und -arbeitens. In Diskussionen, Vorträgen, Filmen und Exkursionen wird behandelt, welchen funktionalen, ästhetischen und sinnstiftenden Beitrag Architektur für das Leben und Arbeiten in unserer Zeit und in unserer Gesellschaft leistet und welche Rahmenbedingungen sie benötigt, um diesen Auftrag zu erfüllen.
Architektur im bosco geht in seinen Fragestellungen über Gauting hinaus, findet dabei aber immer wieder zurück zur Würmtal-Gemeinde mit ihren vielfältigen und spezifischen planerischen und architektonischen Herausforderungen.
Architektur im bosco wird kuratiert und moderiert von einem Team um den weltweit tätigen Gautinger Architekturfotografen Florian Holzherr und den Kommunikationsexperten Dirk Loesch.
 

Unterstützt von

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Nach(t)kritik
Zeugnisse der Einfachheit und Funktionalität
Nach(t)kritik von Thomas Lochte

Zum Auftakt der neuen Reihe „Architektur im bosco“ ist dort die Ausstellung „Shaker Architektur“ mit Fotografien von Florian Holzherr zu sehen – nach insgesamt dreimaliger, teils pandemiebedingter Verschiebung, wie bosco-Leiterin Amelie Krause anmerkt. Holzherr, in München an der Staatlichen Fachakademie für Fotodesign ausgebildeter Fotograf und heutiger Universitätslektor an der Technischen Universität Wien, spürt mit den in Gauting gezeigten Arbeiten dem Einfluss der Religionsgemeinschaft der Shaker auf europäische Strömungen in den Bereichen Architektur, Design und Möbel nach – Holzherr über die um 1750 in England entstandene christliche Sekte, die ihren Weg durch Emigration und Verbreitung in der sogenannten Neuen Welt (über „Mother Anne“) bis nach Nordamerika und Kanada fand und vor allem in Kentucky, Massachusetts und Albany im späteren Bundesstaat New York ihre architektonisch bemerkenswerten Zeugnisse hinterließ: „Jedes Gebäude der Shaker ist wie eine Kirche – mit hohen Fenstern und nahezu sakralen Räumen.“ Eigens entwickelte Hänge-Systeme an den Wänden betonten die strikte Funktionalität der Innenräume. Der übergeordnete Gedanke dabei: Je effektiver das Arbeiten, desto mehr Zeit zum Beten – je mehr man arbeitet, desto näher ist man Gott“, so Holzherr über die erst in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts ausgestorbenen Shaker, deren Name sich aus der Bezeichnung der „Quäker“ und dem englischen Wort shake ableitet, dem Sich-schütteln in religiös-ekstatischer Lobpreisung Gottes.

Die Shaker, so Holzherr weiter, seien im Gegensatz etwa zu den Amish People, die modernes Werkzeug und moderne Technik prinzipiell ablehnen, „Technik und Innovationen sehr zugewandt gewesen“: Sie hätten sogar die Kreissäge erfunden, „quasi das iPhone des Jahres 1790“. Die Faszination für das weltanschauliche Konzept der Shaker habe ihn dann 1999 veranlasst, in die USA zu reisen und die noch erhaltenen architektonischen Zeugnisse fotografisch zu dokumentieren, berichtet Holzherr bei der Ausstellungseröffnung im bosco: „Möglichst neutral“ habe er sich den so schlicht wirkenden Gebäuden angenähert, und zwar von allen vier Seiten, wenn möglich: „Niemals Sonneneinfall, immer der gleiche Abstand zu den Objekten“. Die habe er vor allem in Pleasant Hill, Kentucky, vorgefunden, aber auch nahe Boston, Massachusetts oder in Upstate New York. Die in Gauting zu sehende Fotodokumentation zeigt schlichte, höchst funktionale Bauten und deren wie erwähnt geradezu sakralen Innenwelten, die auf den Betrachter wie europäische Turnhallen wirken können oder auch wie Zeugnisse der ersten Siedler an der Ostküste Nordamerikas. Manche Bauten hätten sogar zwei separate Eingänge und im Inneren zwei Treppenaufgänge, berichtet Holzherr: Dies hatte wiederum mit der bei den Shakern strikt zölibatären Trennung von Frauen und Männern zu tun – ihren „Nachwuchs“ rekrutierte sich die Sekte über Waisenhäuser. „Wenn die Kinder erwachsen waren, wurde es ihnen überlassen, ob sie bleiben oder gehen wollten“, so der Fotograf.

Gerd Holzheimer, der sich nach eigener Aussage „als Achtundsechziger“ schon früh mit alternativen Lebensmodellen und der „kommunitären Utopie“ der Shaker befasst hatte, ordnet diese wie folgt ein: „Gemeinschaften, die auch einem Karl Marx weit voraus waren“. Die Shaker strebten Selbstbestimmtheit des Menschen an, frei vom Götzen des Materiellen und von jeglichen Verwertungsmechanismen. Wie Karl Marx, der die Begriffe „Gebrauchswert“ (alles, was der Mensch zum Leben, zum Überleben braucht) und „Tauschwert“ (Wert einer Ware) einführte, es später analysieren sollte, fürchten auch die Shaker schon lange vor Marx die „Entfremdung des Menschen von sich selbst“, indem er – etwa mit seiner Arbeitskraft – selbst zur Ware zu werden drohte, so Holzheimer. Entsprechend beantworteten sie die Frage „Was brauche ich wirklich?“ mit striktem Konsumverzicht, mit solidarisch-humanitärem Leben und Handeln: „Frauen und Männer vollkommen gleichgestellt“. Selbstversorgung und Autarkie, ein indirektes Vorbild für spätere Landkommunen in Nordamerika, auch wiederum in Europa. „Amerika war damals noch ein Land der Freiheit“, merkt Holzheimer an. Die Utopie, sie betone stets „nicht, wie es ist, sondern wie es sein könnte“: Ein prinzipielles Streben nach einer gewissen Einfachheit. „Klare Linien, leere Flächen, der ruhige leere Raum“, der architektonische Ausdruck eines solchen Konzepts.

Die Shaker-Kommunitäten in Nordamerika umfassten zeitweilig über 100 Sozietäten mit über 100.000 Mitgliedern – bei einer Gesamtbevölkerung (um 1850) von nur 23 Mio. eine beachtliche Größenordnung. Die Ausstellung erinnert an ihren bis heute anhaltenden Einfluss auf Architektur und Möbeldesign.

Zu sehen ist die Ausstellung „Shaker Architektur“ bis einschließlich 16.Dezember zu den Öffnungszeiten des bosco und während der Abendveranstaltungen; die nächsten beiden Angebote zum Thema sind: 5. Oktober, 20 Uhr, der Film „The Shakers – Hands to work, Hearts to God“ von Ken Burns und 24. Oktober, 14 Uhr, Ausstellungsführung mit Architekturfotograf Florian Holzherr (Eintritt frei).

Galerie
Bilder der Veranstaltung
So, 26.09.2021 | © Werner Gruban - Theaterforum Gauting e.V.