Nach(t)kritik

So, 07.10.2018
20.00 Uhr
Klassik

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Künstler: 
Ensemble Berlin
Der 20. Besuch des Ensembles Berlin ist nicht nur ein beachtliches Jubiläum. Nachdem der erste Auftritt des Kammerensembles der Berliner Philharmoniker das Gründungskonzert des Klassikforums war, ist dieses Ereignis auch eng mit der Geschichte der Konzertreihe verbunden. Grund genug dieses Jubiläum auf eine besondere Weise zu begehen: mit der Wiederholung des Programms vom ersten Konzert. Und das kam noch ohne Bearbeitungen aus.
Alle vier Stücke des Programms waren und sind Raritäten im Konzertbetrieb, obgleich nicht ohne große Namen. Der größte natürlich Mozart, dessen Sonate B-Dur für Fagott und Violoncello KV 292 schon immer viele Fragen aufwarf. Die instrumentale Kombination ist ungewöhnlich und ließ vermuten, dass mit dem Cellopart ein unvollständiges Basso continuo vorläge. Zutreffend ist aber wohl eher, dass es hier um ein Novum in der Musikgeschichte in der Übergangsphase zur Klassik geht. Kaspar Reh am Fagott und Øyvind Gimse am Violoncello machten deutlich, dass es sich hier tatsächlich um ein Werk des sogenannten gelehrten Stils handelt, in dem die Begleitstimme am Cello als eigenständiger Dialogpartner zu betrachten ist.
Auch Erwin Schulhoffs Besetzung im Concertino von 1925 ist schon recht apart, doch ganz im Trend des beginnenden 20. Jahrhunderts. Der aus Prag stammende Komponist hatte Witz und einen unersättlichen Experimentierdrang. Flöte und Piccolo mit Viola und Kontrabass zu kombinieren, bedeutet ja, den gesamten instrumentalen Tonraum mit nur drei Instrumenten abzudecken. Die Kontraste hätten daher nicht extremer sein können. Doch die Verwendung östlicher Folklore lieferte den dafür stimmigen Kontext. Wally Hase (Flöten), Walter Küssner (Viola) und Ulrich Wolff (Kontrabass) gingen aber nicht den strikten Weg des polternden Musikantentums. Gerade in den beiden langsamen, freitonalen Sätzen ging es vielmehr um ein einfühlsam mäanderndes Sinnieren.
Wer Luigi Boccherinis Streichermusik kennt, war beim Sextett Es-Dur für Oboe (Christoph Hartmann), Violine (Simon Bernardini), Viola, Horn (Franz Draxinger), Fagott und Kontrabass gewiss überrascht. Der in Madrid lebende Italiener war selbst Cellist und Kontrabassist, zog denn auch die Streichermusik vor, die galant und geschmeidig daherkommt. Die Gegenüberstellung von Streichern und Bläsern lief auf ein Kontrastprogramm hinaus. Doch Boccherini bemühte sich zumindest passagenweise auch um eine enge Verflechtung der beiden Instrumentalgruppen, was ungewohnt konkret und kraftvoll geschah. In der Tradition des Divertimentos stehend, setzten die sechs Musiker denn auch auf den Unterhaltungswert des dreisätzigen Werkes, das sich einerseits der Melodik, anderseits dem Haydnschen Witz verschrieb.
Das Grand nonetto von Louis Spohr könnte man durchaus in dieser Tradition sehen, doch nun ein Stück romantischer mit entsprechender Klangsinnlichkeit. Mit dem Klarinettisten Ishay Lantner war die Nonettbesetzung komplett. Ein instrumentales Aufgebot, dass noch zur Zeit der Frühklassik im Grunde ein Orchester gewesen wäre. Doch Spohr bemühte sich deutlich um den kammermusikalischen Duktus. Die einzelnen Stimmen wahrten selbst im engsten Geflecht ihre Eigenständigkeit und im Sinne des Auftraggebers Johann Tost – Kaufmann und Geiger –: „dass jedes der Instrumente seinem Charakter und Wesen gemäß“ hervortrete.
So ganz klappte es nicht, denn Spohr war ein großer Geigenvirtuose, Paganini durchaus ebenbürtig, dachte daher wohl auch an seinen eigenen Part, als er die Rollen verteilte. So wurde es stellenweise doch ein kleines Violinkonzert. Das Ensemble Berlin bestach darüber hinaus mit Klarheit und Transparenz, auch mit Witz, zumindest im heiteren Scherzo, erst recht im wienerischen Kehraus des Schlusssatzes. Wunderbar hochromantisch geriet das Adagio: warm, lieblich und klangrund. Vor allem die klangfarbliche Fülle und das heitere Geschehen rissen ordentlich mit – und zu frenetischen Ovationen.
Reinhard Palmer, 08.10.2018