Nach(t)kritik

Di, 21.01.2020
20.00 Uhr
Klassik

Zwischen zartem Flämmchen und Feuersbrunst

Künstler: 
Belcea Quartet
Wenn „Allegro ma non tanto“ schon wie „Allegro con fuoco“ daherkommt, dann kann man sich auf etwas gefasst machen. Das Belcea Quartet löste das Versprechen, das es im Grunde schon mit den ersten Tönen gab, auch konsequent ein. Allerdings nicht so, wie man es vielleicht zunächst geahnt hat. Denn das Ensemble hatte für den feurigen Einstieg eine plausible Begründung, wenn man die Berichte über den ungestümen, ungehobelten jungen Beethoven in Betracht zieht. Auf der anderen Seite war da aber auch das Vorbild Haydn, dem es für Beethoven auch in der Feinsinnigkeit etwas entgegen zu setzen galt. Für die vier Musiker um die Primaria Corina Belcea kein Widerspruch oder gar eine Zerreißprobe. Mit dem Streichquartett in Beethovens Schicksalstonart c-Moll op. 18/4 aus dem ersten Streichquartett-Opus des Komponisten skizzierte das Ensemble vielmehr einen impulsiven, ja rabiaten Geist, der eben andererseits voller Sehnsüchte und Empfindsamkeit steckte. Aber auch mutig genug war, sogleich die Gattung des Streichquartetts revolutionieren zu wollen.
Viel hing hier von Belcea selbst ab, denn das Quartett hat nicht nur symphonische Züge, sondern gibt der ersten Stimme einen konzertanten Part an die Hand. Die rumänische Geigerin nahm sich des Angebots zunächst kraft- und temperamentvoll an, konnte sich bald aber auch weit zurücknehmen, wenn es um flötende Zartheit, innig-blühende Freude oder einfühlsam ausgesungene Schönmelodik ging. Dieses weite Ausdrucksspektrum sollte sich generell als die große Stärke des Ensembles erweisen, gekoppelt an eine zielsichere Fähigkeit, schier unglaubliche Wendungen und Brüche in homogener Perfektion zu meistern. Das Ergebnis war ein extremes Kontrastprogramm, in dem wenig vorhersehbar war und hingegen viel Überraschendes lauerte. Das konnte ein Wechsel im Klang sein, ein Aufscheinen eines kostbaren Details, ein virtuoser Ausbruch voller Leidenschaft oder unerwartet entfesselte Klangfluten in Klarheit und Transparenz.
Die große Kunst dabei war die Fähigkeit, dieses Wechselbad der Gefühle unter einem großen Spannungsbogen unterzubringen und ihn entschieden auf der Höhe zu halten, auch wenn im Quartettsatz ein weit zurückgenommener Auflösungseffekt vorgesehen war. Auch das eine Besonderheit des Ensembles: Wo andere Überleitungen lediglich als Mittel zum Zweck sehen, legte das Belcea Quartet viel Sorgfalt in die Durchgestaltung dieser Passagen. Das wirkte schon wie ein Ohrenöffner, fielen einem doch plötzlich Details auf, die sonst als Nachrangig untergehen. Insbesondere im Streichquartett Es-Dur op. 74 (Harfenquartett) spielten diese feinen Zwischentöne eine wichtige Rolle, steht doch das Werk inhaltlich für eine gewisse Unentschiedenheit zwischen dem Bangen vor der kriegerischen Bedrohung durch napoleonische Truppen und der begründeten Hoffnung auf Frieden. Viel Stoff fürs Kontrastspiel bis hin zu düsterer Dramatik gegenüber seligem Schwärmen, aber auch reichlich Momente feinsten Changierens, scheinbar ohne Sicherheit über das Ziel.
Das Rasumowsky-Quartett F-Dur op. 59/1 sollte sich in seiner Klarheit und emotionalen Eindeutigkeit als dankbarer erweisen. Zumindest in der entschiedenen Interpretation des Belcea Quartets. Zeitgenossen Beethovens schimpften es „Flickwerk eines Wahnsinnigen“. Das rhythmisierte Wiederholen eines Tones etwa, musste bei Zeitgenossen auch auf völliges Unverständnis treffen. Beim Belcea Quartet wurde das Motiv zu einem sehr wandelbaren Element zwischen dröhnendem Hämmern und zarten Tröpfeln – mit unzähligen Abstufungen dazwischen. Verwunderlich ist nur, dass die Zeitgenossen nicht vom betörenden Adagio versöhnt worden sind. Belcea konnte hier einmal mehr weit in die Innigkeit abtauchen, natürlich nur deshalb so atemberaubend schön, weil Axel Schacher (Violine), Krzysztof Chorzelski (Viola) und Antoine Lederlin (Violoncello) es verstanden, sich in warmer Klangsubstanz noch viel weiter zurückzunehmen, obgleich in einen bisweilen recht motivreichen Begleitpart. Dass dieses Konzert nicht ohne Zugabe enden konnte, war im Grunde schon recht früh klar. Das Presto aus op. 130 überzeugte noch einmal mit spieltechnischen Finessen und effektvoll gesetzten Pointen. Der Start ins Jahr des 250. Geburtstags Beethovens hätte nicht euphorisierender ausfallen können.
Reinhard Palmer, 22.01.2020
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