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Presse

Die Seele der Erde

Erschienen in:   Starnberger Merkur

Gauting – Madagaskar östlich von Afrika ist berühmt für seine rote Erde. Lange war sie unter dichtem Baumbestand verborgen, doch seit großflächigen Abholzungen erkennt man das Rot, etwa von Satelliten aus, ganz genau. „Die Insel blutet förmlich“, erzählte Ekkeland Götze (77) am Donnerstagabend im Bosco. Für ihn war dies der Grund, 2014 hinzufahren, rote Erde mitzunehmen, sie in seinem Atelier in München-Sendling zu bearbeiten und auf Leinwand zu drucken. Vor eben diesem Bild unterhielt sich der Konzeptkünstler mit Bosco-Leiterin Barbara Schulte in der Bar rosso. Der Dresdner Künstler erzählte auf kurzweilige Art die Geschichte hinter seinen Kunstwerken.

Anlass für das Interview war der aktuelle Themenschwerpunkt des Bosco mit dem Titel „Boden – Lebensraum und Grundlage“, der den Auftakt zu einer mehrjährigen Veranstaltungsreihe zur Umwelt bildet. Für die begleitende Ausstellung war das jahrzehntelange Projekt des Dresdners unter dem Titel „Ein Bild der Erde“ wie gemacht. Seit 1989 reist er durch die ganze Welt, nimmt Bodenproben von besonderen Orten der Menschheitsgeschichte und druckt sie nach einem Verfahren, das er „Terragrafie“ nennt, auf Papier, Leinwand und anderes Material. Im Bosco hängen aktuell gut 20 Werke von allen fünf Kontinenten, schimmern in verschiedensten Farben und erzählen die Geschichte ihrer Herkunft. „Das sind die Seelen der Orte“, sagte er. „Wer weiß schon, welche Informationen da drinstecken?“

Schulte stellte ihren Gast als „weitgereisten Mann“ vor. In der Tat ist Götze schon bis ins Amazonasgebiet vorgedrungen, nach Australien und Neuseeland, nach Japan, Island, Afrika und Nepal. Die Umstände seiner Expeditionen gestalteten sich teils abenteuerlich. Denn: Die Menschen in anderen Kulturkreisen haben zu der Erde, auf der und von der sie leben, ein ganz anderes, tiefergehendes, magisches Verhältnis. Noch dazu sind viele Eingeborene sensibilisiert, weil ihnen klar ist, dass sie in der Kolonialzeit von Europa regelrecht ausgeplündert wurden. „Ich habe mit den Menschen immer offen und ehrlich geredet und gesagt, worum es mir geht“, erzählte er. „Das ist der einzige Weg.“ Die Sioux-Indianer haben ihm sogar einen Ehrennamen gegeben. Er gab aber auch zu: „Es hat nicht immer geklappt.“

Den Ursprung seines Langzeitprojekts verortete er in seiner Dresdner Kindheit als Sohn einer Putzfrau. „Ich habe gelesen, gelesen, gelesen.“ Zur Lektüre des jungen Götze gehörten unter anderem Bücher über den berühmten Captain Cook, den Entdecker der Südsee. „Das hat mein Fernweh geweckt, da wollte ich natürlich auch überall hin.“ 1988, noch vor dem Mauerfall, kam er nach München und musste sich als Künstler neu erfinden. Am Haus der Kunst hatte er plötzlich die Idee, die ihn fortan ein Leben lang begleiten sollte. Einer Intuition folgend nahm er Erde mit, brachte sie auf eine Leinwand auf und nannte sie: „Nummer 1, Haus der Kunst, Englischer Garten.“ Inzwischen sind es weit über 1000. Das tausendste namens Olduvai (weißlich schimmernde Erde aus Tansania, der Wiege der Menschheit), hängt ebenfalls im Bosco.

„Und wie ist deine Prognose?“, wollte Barbara Schulte von ihrem Gast wissen. „Wie geht es mit unserer Erde weiter?“ Der Künstler zeigte sich besorgt angesichts des globalen Raubbaus. „Wenn es linear so weitergeht, gibt es irgendwann nur noch die Bilder“, prophezeite er. Diese sind bei den Veranstaltungen des Bosco sowie zu den Öffnungszeiten (dienstags bis freitags 10 bis 12.30 Uhr, donnerstags und freitags 15 bis 18 Uhr sowie samstags von 10 bis 12 Uhr) zu sehen. Die Finissage findet am 18. Juli statt.

08.05.2026, Volker Ufertinger