Veranstaltungsinfo

Mi, 15.01.2020
20.00 Uhr
Literatur
15,00 / 8,00 €*
* Regulär / bis 25 Jahre | Restkarten an der Abendkasse erhältlich


Veranstalter: 
Theaterforum Gauting e.V.

Gerd Holzheimer "Die Liebe höret nimmer auf" (2): Schau mir in die Augen – Die reife Liebe

Teil 2 der Literaturreihe "Die Liebe höret nimmer auf" mit Gerd Holzheimer

Sprecherin: JUDITH HUBER
In der Reihe „Die Liebe höret nimmer auf“ geht es um das älteste Thema der Menschheit – und das ist die schönste Sache der Welt, oder? Leider nicht, nicht nur. Oder auch Gott sei Dank nicht. Wäre die Geschichte nicht eine so schön komplizierte, gäbe es auch nicht so viele wunderbare Texte auf dieser Welt.
Der griechische Philosoph Plato geht von dem Bild aus, dass der Mensch einst die Gestalt einer Kugel hatte, bis diese Kugel in zwei Hälften geteilt wurde. Seither suchen sich die beiden Hälften, sie möchten sich wieder vervollständigen. Diese Suche ist die Sehnsucht, die bald zutiefst beglückend, bald auch voller Schmerz sein kann.
Sie sucht die Erfüllung, die zutiefst beglückend ist – und immer neue Wiederholung wünscht, weil alle Lust Ewigkeit will, aber eben nicht permanenten Bestand hat. Gefahr neuer Befremdung, wenn nicht Entfremdung droht. Nie bleibt die wiederhergestellte Einheit ohne weiteres bestehen, schon gar nicht von selber. Schmerz steht zu befürchten, so dass neue Sehnsucht entstehen kann: die Kugelgestalt wieder zu erneuern oder Bestandteil einer neuen Kugelform zu werden. So gehen Sehnsucht und Erfüllung eine eigentümliche Partnerschaft ein.
Ob die Erfüllung der Tod der Sehnsucht ist, wie manche meinen, oder ihr beglückendes Ziel, ist Gegenstand unendlich vieler Geschichten, weil unendlich vielen Menschen in ihrem Leben diese Geschichten begegnen. Wir geben uns ganz einfach diesen Erzählungen hin.

Teil 2: Schau mir in die Augen – Die reife Liebe
 
„Warum gabst du uns die tiefen Blicke / Unsre Zukunft ahndungsvoll zu schaun, / Unsrer Liebe, unserm Erdenglücke / Wähnend selig nimmer hinzutraun?“, beginnt Goethes berühmtes Gedicht, und es endet so: „Glücklich, daß das Schicksal, das uns quälet, / Uns doch nicht verändern mag.“ Untrüglich bleibt der Augenblick, in dem sich künftig einander Liebende begegnen: „Schau mir in die Augen“, sagt Humphrey Bogart zu Ingrid Bergman, alias Rick zu Elsa, zwar nur in einer frühen Synchronfassung, doch hat sich dieser Satz in unser aller Gedächtnis eingeprägt, für immer. In Jean-Antoine Watteaus, 1717 entstandenem, Gemälde Einschiffung nach Kythera wird die Landpartie zum Versammlungsplatz, zum Hafen als Ausgangspunkt zur Überfahrt auf die Liebesinsel, verbunden mit dem großen Versprechen für den Aufbruch in die Freiheit.  „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund, / ich schrie mir schon die Lungen wund“, so schreit Klaus Kinski sich schon fast selber die Lungen wund, wenn er Villons berühmte Ballade rezitiert. Obgleich vom Isartal die Ethnographie weiß, dass die Frauen sich leider nichts Gutes im Ehestand erwarten („Sie haben ihr junges Leben genossen, und selten treten sie aus Liebe und Neigung zum Altar“), beginnen an der Isar am 5.8.1912 der Verfasser des Skandalromans Lady Chatterley‘s Lover D. H. Lawrence und seine Geliebte, die verheiratete Frida von Richthofen, ihre Wanderung über die Alpen nach Italien, wie von Sinnen ineinander verliebt und entschlossen, jede Verbindung zur Vergangenheit abzubrechen, mit Rucksack und Spirituskocher. Amour fou sondergleichen, die in die Ehe mündet.
„A liebt B, aber B liebt C“ ist der Klassiker trivialer oder auch nicht trivialer Liebesgeschichten, aber in unserer kleinen Reihe geht es eher um die geglückten Begegnungen, seien sie nur für Augenblicke gelungen oder für ein ganzes Menschenleben.  Viele Texte, die zu hören sein werden, bilden einen Schwebezustand ab, zwischen „Noch nicht“ und „Nicht mehr“, ein Zustand, in dem so viel möglich ist, was nicht wirklich sein oder werden muss, aber oft Wirklichkeit werden kann.

Konzeption & Moderation
GERD HOLZHEIMER
Sprecherin
JUDITH HUBER

JUDITH HUBER, geboren in Burghausen, absolvierte eine Musicalausbildung an der Stage School Hamburg und studierte anschließend an der Schule für Schauspiel Hamburg. Nach einem festen Engagement in Nürnberg gastierte sie u.a. in Zürich, Berlin, München, Hamburg und Düsseldorf. Seit zehn Jahren ist sie freischaffend tätig. Mit Christiane Pohle, Katja Hensel und Stefanie Höner gründete sie das Ensemble Laborlavache. Zudem rief sie 1998 mit Eva Löbau das spartenübergreifende Langzeitprojekt Die Bairische Geisha ins Leben. Neben diesen Projekten steht gleichberechtigt die Arbeit als Sprecherin, auf der Bühne oder vor der Kamera.
Galerie 
Bilder der Veranstaltung

2020

Nach(t)kritik 

 

Was ist eine reife Liebe? Immer wieder im Laufe des Abends stellen Schauspielerin Judith Huber und Literaturwissenschaftler Gerd Holzheimer anhand von ausgewählten Beispielen aus der Literatur und dem Nachdenken darüber sich und dem Publikum diese Frage. Es ist der zweite Teil der von Holzheimer zusammengestellten Reihe unter dem Titel „Die Liebe höret nimmer auf“, diesmal ging es um die „Reife Liebe“. Von der Bibel über Platon und das Nibelungenlied zu D.H. Lawrence und Robert Walser wurden Spielarten der Liebe betrachtet unter dem Aspekt „reif“ - ein schwieriger Begriff, wie sich bald zeigen sollte.

Am Anfang stand Goethe. „Warum gabst du uns die tiefen Blicke,/Unsre Zukunft ahndungsvoll zu schaun,/Unsrer Liebe, unsrem Erdenglücke/Wähnend selig nimmer hinzutraun?“ sinniert der große Dichter und benennt im Gedicht das Dilemma der denkend Liebenden, liebend Denkenden, die ihre Gefühle nicht allein empfinden, sondern zugleich reflektieren müssen. Das scheint ein Zusammenhang zum Zustand der Reife zu sein: die reflektierte, reflektierende Liebe.

Während die Bibel mit dem Hohelied sehr poetisch die Genüsse der Liebe benennt und die antiken Philosophen über die Teilung des Menschen in Mann und Frau bildreich sinnieren, berichten die Dichter bereits über eine besondere Spielart der reifen Liebe: den Trick. In der Illias ist dieser Trick weiblich geprägt und führt den männlichen Göttervater, der bekanntlich oft triebgesteuert unterwegs ist, nach Strich und Faden und weiblicher Überlegenheit vor. Aber auch im Nibelungenlied arbeiten die Liebenden mit Tricks und Fallen, hier durchaus von Seiten beiderlei Geschlechts.

Die Moderne erzählt von einer anderen Spielart der reifen Liebe und übersetzt diese in Verantwortung, gar Verzicht. D.H. Lawrence, der laut Holzheimer ein großer Liebhaber der bayerischen Landschaft war und hier sogar seine Liebe zu einer verheirateten Frau fand (die dann für ihn ihre Familie verließ), gestaltet in seinem Roman „Lady Chatterley´s Lover“ den Konflikt um einen Ehebruch auf eine sehr vernunftorientierte Weise. Judith Huber liest eine Szene, in der Sir Clifford Chatterley, aufgrund einer Kriegsverletzung gelähmt und impotent, seine Frau Connie aus Gründen der Vernunft freigibt, damit sie Kinder bekommen kann.

Weniger vernünftig, aber dennoch überlegt erscheint das Lieben und Liebesleben der Gräfin Franziska zu Reventlow, die die Männer ihres Lebens in Kategorien unterteilt. Da gibt es beispielsweise die Kategorie „Paul“: Männer, die man vorzugsweise auf Reisen trifft, die gutgelaunt und zu Späßen aufgelegt sind und von großem Unterhaltungswert. Den hatte die von Judith Huber gelesene Szene auch für das Publikum.

Am Ende zeugte ein portugiesisches Lied, abgespielt in der bar rosso, von einer reifen Liebe, die sich am besten singen lässt. „Maria Lisboa“ klingt, gesungen von der portugiesischen Sängerin Marisa, nach vielen traurigen und glücklichen Lieben und der Erfahrung, dass man trotz vielem Leids nicht ohne sie auskommt. Und auch das ist Reife.