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Veranstaltungsinfo

20.09. - 23.10.2022
19.00 Uhr
Ausstellung

Eintritt frei

zu den Öffnungszeiten des bosco
und während der Abendveranstaltungen
für Gäste der entsprechenden Veranstaltung

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Veranstalter: Theaterforum Gauting e.V.

Erwin Geiss: Extinct - Der letzte Blick

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Verschwinden auch scheinbar unerschöpflicher „Vorräte“ an Lebewesen in der Zeit seit dem 15. Jahrhundert. Zur Ausstellungseröffnung zeigen wir den Dokumentarfilm-Klassiker "Serengeti darf nicht sterben" (D, 1959).

Trotz Klimawandel und Umweltzerstörung stellt sich im Bewusstsein des Großteils der Menschheit die Natur weiterhin als ein unendliches Reservoir an Diversität dar. Die gezeigten Beispiele der von Menschen ausgerotteten Spezies manifestieren die Endlichkeit der vermeintlich fortwährend „nachwachsenden“ Ressource Natur. Sei es die amerikanische Wandertaube, deren Bestand von drei bis fünf Milliarden Exemplaren innerhalb eines Jahrhunderts vollständig ausgerottet wurde, der Tasmanische Beutelwolf, dessen letztes Exemplar 1936 in einem Zoo starb, der Kuba-Ara, das Quagga oder viele andere Arten. Das Verschwinden der meisten Arten ist dabei von der Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis genommen worden.

Seit Jahren dokumentiert Erwin Geiss die in Naturwissenschaftlichen Sammlungen in vielen Ländern sich befindenden unersetzlichen Original-Präparate von Tierarten, die durch den Eingriff der Menschen endgültig von der Oberfläche der Erde ausgerottet wurden. Viele Aufnahmen entstanden dabei in Bereichen, die für die Öffentlichkeit nicht zugänglich sind.

Durch die gewählte Aufnahmetechnik und Bildbearbeitung werden sie aus dem wissenschaftlich-musealen Kontext herausgelöst. Sie treten dem Betrachter gegenüber und erlauben so noch einen letzten Augenkontakt mit den auf ewig verschwundenen Geschöpfen.

Für einen kurzen Moment sind es keine Museumsexponate, keine Schau-Objekte mehr - die Tiere erhalten noch einmal ihre Individualität zurück. Die Fotografie mit ihrer „objektiven“ Wiedergabe wird dabei bewusst eingesetzt, um ein unmittelbares Erleben der Tiere zu ermöglichen. Der scheinbare Widerspruch zwischen „ausgestorbene Art“ und „fotografischem Portrait“ führt zu einer nicht nur intellektuellen, sondern auch emotionalen Auseinandersetzung mit der Thematik und kann so - hoffentlich - neue Bevölkerungskreise für die Endlichkeit der Biodiversität sensibilisieren.

Die Tiere sehen uns an, mit einem letzten Blick, als wären sie noch gegenwärtig und sind doch unwiederbringlich verlorene Geschichte.

Film zur Ausstellungseröffnung
Zur Ausstellungseröffnung zeigen wir den Dokumentarfilm-Klassiker "Serengeti darf nicht sterben" (D, 1959). Der 1960 als erster mit einem Oscar bedachte deutsche Film nach dem 2. Weltkrieg erzählt von den Anfängen des Serengeti-Nationalparks in Tansania. Ende der 1950er Jahre wollte die tansanische Nationalparkverwaltung das Schutzgebiet um den Ngorongoro-Krater einzäunen. Bernhard und Michael Grzimek wurden 1957 von der Nationalparkverwaltung eingeladen, um sich ein genaues Bild über die Tierwanderungen zu machen und der Nationalparkverwaltung die Werte zu liefern, die sie für ihr Vorhaben brauchte. Die Grzimeks fanden mit einem neuen Zählverfahren mit zwei Flugzeugen heraus, dass die Wanderungen der Herden anders verliefen als angenommen.

Eröffnung & Film Di 20.09.2022 | 19:00 | Eintritt frei, Anmeldung über das Theaterbüro
Vortrag Di 04.10.2022 | 20:00 | Eintritt frei, Anmeldung über das Theaterbüro
Führung So 16.10.2022 | 14:00 | Eintritt frei, Anmeldung über das Theaterbüro
Film im Kino Breitwand Di 18.10.2022 | 20:00 | Eintritt € 6,00
Dauer der Ausstellung Bis So 23.10.2022 zu den Öffnungszeiten des bosco und während der Abendveranstaltungen für Gäste der entsprechenden Veranstaltung

Der Besuch unserer Ausstellungen während der Öffnungszeiten des bosco ist frei. Bitte beachten Sie bei Ihrem Besuch die momentan geltenden Corona-Hinweise.

Pressestimmen
Ausgestorbene Tierarten im Porträt
Pressestimme von Christine Cless-Wesle
Erschienen in:   Starnberger Merkur

Er lässt längst ausgestorbene Tierarten in seinen Bildern weiterleben: Der Münchner Geophysiker und Profi-Fotograf Dr. Erwin Geiss zeigt bis Mitte Oktober seine Ausstellung „Extinct – Der letzte Blick“ im Gautinger Bosco.

Mit der Fotoausstellung „Extinct – Der letzte Blick“ eröffnete das Gautinger Bürger- und Kulturhaus Bosco am Dienstag die neue Spielzeit. In gelungenen Aufnahmen präsentiert der Münchner Geophysiker und Profi-Fotograf Dr. Erwin Geiss längst ausgestorbener Tierarten, zum Beispiel den berührenden, fast menschlich-traurigen „Letzten Blick“ des seit 1942 endgültig ausgestorbenen Berberlöwen. Der „Panthera leo leo“ lebte einst im Norden der Sahara.

„Schön voll heute“, freute sich Lukas Zellner vom Bosco-Team bei der Vernissage. Nach den überstandenen Corona-Schließungen drängte sich zum Auftakt der neuen Spielzeit endlich wieder das Publikum im oberen Foyer. Mit „Extinct – Der letzte Blick“ hat Zellner eine wahrlich sehenswerte Premieren-Ausstellung auf die Beine gestellt. Geiss hatte in naturhistorischen Museen über einen Zeitraum von 15 Jahren die Original-Präparate ausgestorbener Tierarten abgelichtet. Nachdem vor 66 Millionen Jahren ein Asteroid in die Erde gerast sei und die Saurier ausgelöscht habe, seien heute von acht Millionen Tier- und Pflanzenarten „eine Million vom Aussterben bedroht“, sagte der Geophysiker. Der Beutelwolf, der im Bosco auch noch in einem Schwarz-Weiß-Film zu sehen ist, „lebt nirgendwo mehr“. Und die ausgestellte Wandertaube mit grau-orange-violettem Gefieder, die mit drei bis fünf Milliarden Exemplaren noch im 19. Jahrhundert zu den häufigsten Vogelarten der Welt zählte, ist seit 1914 ausgestorben.

Nur 20 Kilometer von Gauting entfernt lebe der akut vom Aussterben bedrohte Ammersee-Kilch, so der Forscher. 1909 war diese Renke noch ein wichtiger Speisefisch. Doch durch Überfischung und Eutrophierung, eine Anreicherung von Nährstoffen wie Nitrat und Phosphor, wurden zwischen 1951 und 2003 nur noch drei Ammersee-Kilche gesichtet. Das seltene, goldglänzende Original-Präparat, abgelichtet im Naturhistorischen Museum Wien, kann derzeit im Bosco bestaunt werden.

Je verkauftem Foto-Exemplar überweist Geiss 300 Euro an die Stiftung des Weltwirtschaftsforums. Mit dem 1959 im Serengeti-Nationalpark in Tansania gedrehten, Oscar-prämierten Dokumentar-Film „Serengeti darf nicht sterben“ von Bernhard Grzimek folgte bei der Vernissage ein weiterer Höhepunkt. Am Dienstag, 4. Oktober, um 20 Uhr will zudem der Grünen-Bundesabgeordnete Karl Bär „über die Auswirkungen des Artenschwunds“ im Bosco referieren. Mit dem Film „The Second Life“ am Dienstag, 18. Oktober, um 20 Uhr, im Breitwandkino werde Davide Gambino den ausgestorbenen stummen Tierpräparaten „eine Stimme“ geben, kündigte Zellner an. Die Ausstellung kann bis Sonntag, 23. Oktober, zu den Öffnungszeiten des Boscos besichtigt werden. Eintritt frei.

Nach(t)kritik
Memento Mori
Nach(t)kritik von Tanja Weber

Ein paar Zahlen zum Thema vorweg:

Das größten Artensterben seit dem Ende der Dinosaurierzeit vor 65 Millionen Jahren bedroht gegenwärtig ein Viertel der Säugetierarten, jede achte Vogelart, mehr als 30 Prozent der Haie und Rochen sowie 40 Prozent der Amphibienarten.

Pro Jahr verschwinden knapp ein Prozent der Insekten weltweit – Tendenz steigend.

Zwischen 1970 und 2010 gingen Fischpopulationen weltweit um 50 Prozent zurück.

Zahlen, die Angst machen. Aber anscheinend nicht Angst genug, denn noch immer werden, nur ein Beispiel, allein in Bayern täglich 30 Hektar Fläche versiegelt, das entspricht 18 Fussballfeldern nach FIFA-Standard.

Warum geschieht so wenig, fragt sich manch eine*r fassungslos, warum halten wir das Rad nicht an? Vielleicht weil Zahlen abstrakt sind.

Erwin Geiss nun gibt diesen Zahlen mit seinen hervorragenden Fotos ausgestorbener Arten ein Gesicht. Nein, nicht eines, viele. Und sie sind so unterschiedlich wie ihre Geschichte. Es sind die Gesichter von Kuba-Ara, Berberlöwe, Ammersee-Kilch oder einem Schmetterling, Phalanta philiberti, so winzig und zart, dass sein Sterben fast unbemerkt vor sich gehen konnte. Eindringlich sind diese Porträts, die Erwin Geiss in den naturhistorischen Museen der Welt aufgenommen hat. Allesamt vor schwarzem Hintergrund, so dass die Köpfe und Körper der Porträtierten voll zur Geltung kommen, sich der Blick des Betrachters allein auf sie fokussiert. Der Fotograf arbeitet mit dieser Art der Aufnahme die Einzelschicksale sensibel heraus. Es sind weniger der Artenschwund allgemein, sondern vielmehr die zu beklagenden Tode einer ganz bestimmten Spezies. Und auch, wenn er in seiner Vorrede betont, dass er kunsthistorisch nicht an eine Einordnung  in die frühe Kunst der Porträtmalerei beabsichtigt habe, so drängt sich der Vergleich geradezu auf. Die Bildsprache erinnert an die Porträts der Renaissance, als die Künstlers in ihren Bildern versuchten, das ganze Wesen des Dargestellten lebhaft zum Ausdruck zu bringen.

Intensiv sind die Bilder der Tiere, sehr klar, jedes Detail ist erkennbar, sie sind zum Greifen nahe – und rücken doch ganz fern von uns. Denn auch wenn die Dargestellten lebendig wirken, es eint sie, dass sie bereits zum Zeitpunkt der Aufnahme (aus-)gestorben sind. Sie alle sind Exponate, ausgestopft und präpariert. Sie haben unsere Welt verlassen und sie kehren nicht zurück. Genau das lesen empathische Betrachter*innen in ihrem Blick: Und nun?, scheinen sie zu fragen, wie geht es weiter?

Mit Zahlen vielleicht: von 8 Millionen Tier- und Pflanzenarten auf unsere Erde, sind eine Million vom Aussterben bedroht. Ein Achtel. Dass daran allein der Mensch die Schuld trägt, auch das erzählt die sorgfältig kuratierte Ausstellung. Neben jedem Porträt können die Ausstellungsbesucher*innen, nicht nur den Namen der ausgestorbenen Art, sondern auch den Grund des Sterbens ablesen – und dieser ist stets vom Mensch verursacht. Zerstörung der Lebensräume, Einfuhr von Fressfeinden wie Ratten oder Wiesel. Flächenfraß, Pestizide oder der Hunger auf Fleisch und Trophäen haben das sechste große Sterben auf der Erde verursacht.

In seiner Eröffnungsrede skizziert Erwin Geiss die ersten großen Massensterben von Algen, Sauriern oder maritimen Lebewesen. Sie waren Opfer von Vulkanismus oder Asteroiden und ihr Sterben liegt Jahrmillionen und länger zurück. Dem Artensterben, mit dem wir heute konfrontiert sind und das eher eine Artenausrottung ist, ist von Menschenhand gemacht. Nur wir haben es geschafft, innerhalb kürzester Zeit eine Spezies wie die Wandertaube auszurotten – einen Bestand von 5 Milliarden innerhalb von einem Jahrhundert auf null zu reduzieren. Der Grund? Gier auf billiges Fleisch. Die Taube wurde zu Tode gejagt.

Erwin Geiss, Geologe und Hobby-Fotograf, hat Porträts von bestechender Schönheit geschaffen, die darüber hinaus aber wertvoll in ihrem Erinnerungswert sind. Haltet ein, möchten uns die abgebildeten Tiere sagen, noch ist es nicht zu spät.

Die Fotografien sind käuflich erwerbbar – von jedem verkauften Bild spendet Erwin Geiss 300,00 Euro an den WWF. Auch das ist eine Möglichkeit von vielen, Gutes zu tun und die Bestrebungen, das Artensterben zu stoppen, zu unterstützen.

Galerie
Bilder der Veranstaltung
Di, 20.09.2022 | © Werner Gruban - Theaterforum Gauting e.V.